Liebenwein, Maximilian: Brief an Richard von Schaukal. Burghausen, 12.7.1914
auch Deine strapezierten Nerven erholen werden. - Ich bin ebenfalls ein wenig
verärgert gewesen, weil mir ein Reisestipendium, das mir im Mai zuerkannt
wurde erst jetzt ausbezahlt wird. Ich habe dadurch die Zeit verloren, in der
ich die Reise bequem hätte machen können. d.h. der Amtsschimmel der kk.
Statthalterei hat meine kostbare Zeit vergeudet und das Vaterland hat durchaus
keinen Gewinn davon gehabt. So reise ich nun erst im Herbst und verlängere
meinen Sommer. 14 Tage länger, nicht in Wien sein ist auch was lustiges, und ein
Gewinn, der nicht zu unterschätzen ist.
Ich liess mich von Aerger nicht anfechten und es gelang mir ihn durch Arbeit
abzuwehren. Zwei Bilder sind die Früchte dieser stillen, etwas verregneten
Zeit: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ und „Der hl. Franz von
Assisi predigt den Thieren!“. Bei jenem gelang mir eine feierliche Stimmung
in deutscher Landschaft, bei diesem liess ich der „Lust zu fabulieren“ übermüthig
die Zügel schiessen und verlegte mich darauf, durch die Thiere die lieben
Mitmenschen zu charakterisieren, die braven und die schlimmen, die
schlauen und die dummen. Ich glaube auch, dass die Thierpredigt des