Liebermann, Max: Brief an Ottilie Franzos. Berlin, 21.2.1925
Berlin NW 7 Pariserplatz, 21/2 25
Sehr verehrte Frau Franzos,
ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre
freundlichen Zeilen, die mir den erneuten Beweis Ihrer Teilnahme
zu meinem Wohl u Wehe gaben.
Ich bin allerdings seit über 3 Wochen an einer grässlichen Grippe
mit allem Zubehör erkrankt, aber ich hoffe diesmal noch mit
einem blauen Auge davonzukommen: für einen Menschen, der ins
78ste Lebensjahr geht, ein bedeutender Optimismus! Man könnte
sogar ihn ruchlos nennen, doch ist er immer noch dem Pessimismus,
der zu gar nichts führt, vorzuziehen.
Also sag' ich mit dem seligen Göthe: „Und so fortan“.
Mit nochmaligem danke u herzlichen Grüßen
in alter Freundschaft
Max Liebermann
[Andere Handschrift:]
Liebste Ottilie, vielen Dank für Ihre freundlichen
Zeilen: es geht wieder so ziemlich u. der Arzt
hofft, daß mein Mann in etwa 14 Tagen ganz herge-
stellt sein wird. Bei Felix u. Lilly ist Alles in Ordnung,
gesehen habe ich sie allerdings seit 3 Wochen nicht, weil
Felix auch erkältet war u. deshalb nicht zu uns durfte.
Lilly hat endlich die Nauheimer Kur überwunden
u. ist wieder heiter und zu Scherzen aufgelegt.
Mit den besten Grüßen herzlichst Ihre
Martha Liebermann