Linke, Karl: Brief an Andreas Thom. Wien, 18.4.1915
Schwein, ein Patzen, Mist oder ein ganzer Mensch, der die Fähigkeit hat,
etwas zu erleben. Gibt es denn „Sehnsüchtiger” oder „Lieabetiker”?
Erotiker!! Das ist eine Güterslohidee! Warum mußte er so, so, so irren!
Wie schön könnten wir jetzt beisammen sitzen, plaudern ohne reden zu
müssen!
Mein Instinkt hat also recht behalten, als ich unsre Freundschaft
schwinden fühlte. Ich spürte es und konnte nichts dagegen tun. Aber
nun ist alles, alles gut. Ich danke Dir, daß Du mich es hast so rasch
wissen lassen und die 45 h Porto möchte ich Dir tausendmal ver=
gelten. Ich habe so etwas erwartet, ich war nachmittags zuhause.
Grüße nur Deine Frau recht schön, so schön Du es kannst, ich werde
bald so etwas haben, was ihr ähnlich, sehr ähnlich ist. Sie wird eine
Freundin haben, wie sie noch keine hatte. Und wir werden Freunde sein,
wie nie zwei waren. Ich bitte zu Gott um Frieden. Nun hätte auch
ich etwas zu verlieren.
Ich verstehe Dich noch nicht ganz. Du bist inzwischen weise ge=
worden, ich stehe am Anfang. Verzeihe mir, wenn ich hier Unsinn plausche.
Ich habe Jahre nachzuholen, ich werde eilen, damit ich Dich noch
erreiche. Wann ich zu Euch komme, weiß ich nicht. Ich getraue mich nicht,
es könnte geschehen, daß ich zu heulen anfinge wie ein Kind, ich weiß
nicht warum. Aber jedenfalls müßte ich mich dann sehr
schämen, was ich vermeiden will. Das tue ich lieber daheim und allein.
Auch könnte ich gar nichts erzählen, gar nichts. Denn im Augenblick der
Aussprache wird alles anders, Du bekämst eine falsche Vorstellung und
ich fürchte jedes Wort und jeden Blick, jeden Gedanken, der nicht in allem
mit mir einverstanden ist. Wir wollen uns vor Mißverständnissen bewahren.
Es wird schon die Zeit kommen, wo wir alle vier beisammensitzen werden.
Du mußt mir einstweilen glauben, daß ich gut empfinde und gut gewählt
habe, denn nicht ich habe gewählt, sondern etwas Größeres in mir.
Berg, der Schurke, hat sie schon gesehen. Was fiel ihm ein, heute
um ½ 1 Uhr mittags in Schönbrunn zu sein! So etwas verzeihe ich nicht
rasch!
Im Falle ich Dir in der nächsten Zeit einige Male schriebe, so wirst Du
dies ja begreifen und Dich nicht verpflichtet fühlen, jedesmal zu antworten.
Ich kann nur Dir schreiben. Mit ihr kann ich ja oft zusammen sein.
Es grüßt Euch Euer neuer linke.
[seitlich:]
Denke: Ich habe schon so viele Neigungen gehabt, aber nie bin ich bisher geliebt worden. Ich kam mir schon so klein, so unwert jeder Liebe vor; ich
hielt es nicht mehr für möglich, daß meine Person jemandem wert werden könnte. Nun stelle Dir mein Gefühl vor! Merkwürdig!
Ich habe schon im ersten Augenblick dieser Neigung an Ehe, nicht an Vergnügen oder Liebelei gedacht. Ich habe es sofort so
ernst genommen, als es sein muß und das nicht einmal aus Überlegung, sondern Instinkt!