Loos, Lina: Brief an Gustav Grotte. o.O., 11.9.1918
11. Sept. 1918
Lieber Doctor Grotte!
Am 7. Sept. war ich
in Inzersdorf. Wenn ich nur irgendwie
sagen könnte, was für merkwürdig
sonderbare Gefühle ich da habe.
Ich fühle mich gedemüthigt, und weis
nicht warum. Ich schäme mich, und
weis nicht warum. Ich fühle mich un=
rein, ausgestossen, verlogen, bin über
alle masen verlegen, ja verlegen, -
kein Gedenken, keine Trauer, kein
Schmerz - nur Verlegenheit empfinde
ich. Nach einer Minute laufe ich von
seinem Grabe fort, an dem ich nie
weis was ich machen soll, und in
dieser Minute kehre ich den Grabstein ab
- den nie eine Blume schmückt - nur
um mich zu beschäftigen. Wie sonder=
bar das alles ist, dabei schlafe ich die
Nacht vorher nicht, vor Aufregung.
Bald denke ich, er will es nicht haben,
dass ich komme, bald denke ich, er
liegt nicht da, Niemand hat in doch
tot gesehen, der ihn lebend gekannt
hat, ich weis nicht ob Sie das wissen. Ich
empfinde mehr, wenn ich nach Rava
Ruska denke!!!