Meyer-Lübke, Wilhelm: Brief an Unbekannt. Bonn, 29.12.1924
W. MEYER-LUEBKE
BONN29 dez.24
COBURGERSTR.4
Liebe frau doktor!
Ihr freundlicher brief hat mir sehr grosse freude gemacht und ich
ich will ihn noch beantworten,bevor Sie wieder in Brünn sind.Ich glaube mich
übrigens zu entsinnen,dass ich Ihnen auch vergangenes jahr geschrieben habe,
und zwar nach Breslau,aber allerdings so spät,dass Sie vielleicht schon weg
waren und beim nachsenden dann der brief verloren ging.
Ich habe ein arbeitsreiches jahr hinter mir.Abgesehen von einem vier-
wöchentlichen aufenthalt in der Schweiz war ich die ganze zeit in Bonn ,
vor allem mit dem aufarbeiten meiner spanischen sachen beschäftigt.Damit
bin ich jetzt glücklich zu ende,ein büchlein von etwa 200 ss. über die stel-
lung des katalanischen ist im drucke beinahe fertig.Neu darin ist der ver-
such,an hand der ortsnamen versdhiedene siedelungs- und infolge dessen ver-
schiedene artender romanisierung nachzuweisen.Auch mit dem baskischen habe i
ich mich noch mal beschäftigtund einen zusammenfassend orientuerenden artikel
in der GRM. geschrieben.-Am 24 oktober habe ich auf einladung hin in Berlin
einen Vortrag gehalten in der akademie.ich war mit meiner frau 4 tage da
und habe mich ungemein wol befunden,es ist doch ein ganz anderes leben,die
menschen grösser als in diesem krautnest hier.Freilich die entfernungen,die
zeit,die man unterwegs verliert,ohne dabei doch freie luft zu geniessen!
Eine andere grosse freued war mir ein zweitägiger besuch von Pușcariu.Er
ist immer der alte klare innerlich sichere und durch diese sicherheitauch
in seiner freundlichkeit und herzlichkeit woltuende mann.Er möchte mich im
sommersemester zu vorträgen nach Klausenburg haben,aber es ist noch nicht
sicher,ob die politischen strömungen es erlauben.P.ist überzeugter anhänger
des deutschen,gibt er doch in Siebenbürgen eine zs."Cultura" heraus für ein