Meyer-Benfey, Heinrich: Brief an Ernst Lissauer. Wandsbek, 3.7.1927
Eine Vorlesung von Robert Neumann - ja, ich möchte schon; aber es geht
doch noch nicht. Er ist noch zu jung und homo unius libri; etwas mehr muß erst
vorliegen, ehe ich das vorschlagen kann. Einstweilen sind meine Leute auf Alfred
Neumann verfallen, wenn es schon ein N. sein soll. Vorigen Winter habe ich das
vermeiden können. Nun aber hat einer, der ihn kennt, den Einfall, er (N) könnte
uns vielleicht die Kleist-Rede zum 16. Okt. halten. Das will ich nun versuchen.
Wenn daraus nichts wird, dann weiß ich noch nicht, was ich mache. Denn so eine
richtige Professoren-Rede möchte ich nicht haben, es muß schon etwas besonderes sein.
Gundolf u. St. Zweig kommen natürlich nicht in Frage. Schließlich werde ich im
Notfall auf Gertrud Prellwitz zurückgreifen. - Sonst gibt es noch allerlei
bedeutende Dichter, die bei uns noch gar nicht zu ihrem Recht gekommen sind.
Für diesen Winter habe ich Werfel und Schäfer auf die Liste gebracht, aber noch nicht
gefragt.
Vielen Dank für Deine Literaturangaben über die Täufer. Du hast Recht,
man muß sie auch in die Mystik einbeziehen, wenn sie auch alle nicht so rein und
ganz Mystiker sind, wie die Gestalten des Mittelalters. Ich habe mich ein wenig
in Denck verliebt (der mir bisher ganz unbekannt war, bis auf den Namen) u.
werde ihn etwas eingehender behandeln als Vertreter des älteren Täufertums. Bei
ihm sind gewisse Gedanken klar und groß erfaßt, die über Luther hinausführen und
die Grundlagen der weiteren Entwicklung sind. Es ist schade und e. Schande, daß
seine Schriften noch nicht gesammelt u. neugedruckt sind (meines Wissens). Münzer
muß ich mir noch ansehen. Die Zeit drängt, und ich kann nur ganz flüchtig naschen!
Daß mich Deine Mitteilungen über das Werden Deiner Dichtungen - um
das Wichtigste zuletzt zu erwähnen - im höchsten Grade interessieren, weißt Du, und
wirst nicht erwarten, daß ich dazu etwas Förderliches zu sagen weiß. Also nun
den herzlichsten Dank und die besten Wünsche für weiteres Gedeihen!
In Treue Dein Heinz.
Schöne Grüße an Fräulein Langner!