Millenkovich-Morold, Max von: Brief an Josef Reiter. Wien, 2.10.1919
WIENER KAMMERKUNST
GES. M. B. H.
LEITUNG: MAX MILLENKOVICH
ATTILIO BLEIBTREU
WIEN, I., HIMMELPFORTGASSE 9
TEL. 7138
KANZLEISTUNDEN 8―½2 UHR
WIEN, am 2. X. 19.
Teurer Sepp!
Schönsten Dank für alle Auskünfte und
Nachrichten! In einem Punkte hast Du mich miß-
verstanden. Ich betonte, daß wir zwar grundsätzlich
zwei Tondichter zusammen vorführen wollen, daß
uns aber der geringe Fassungsraum des Saales im
allgemeinen verbietet, zwei ausübende Künstler -
genauer: zwei Gesangskräfte - an einem Abend in diesem Saale mit-
wirken zu lassen. (Denn gerade Gesangskräfte sind
teuer; Instrumentalisten tun es billiger.) Ich schlage
Dir daher vor: entweder Frau Weigl allein (Reiter -
Streicher) oder die Musil allein (Reiter - Marx) oder
Ubl allein (Reiter - Kienzl) oder Fälbl allein
(Reiter - X). Du hingegen schlägst vor: Weigl und
Fälbl (Reiter - Streicher). Nun kann man ja gewiß
von jeder Regel eine Ausnahme machen. Aber mach'
ich Dir zu Liebe in diesem Falle eine Ausnahme, so hab' ich's na-
türlich schwer, ähnlichen Wünschen anderer Lieder-
komponisten zu begegnen. Vielleicht denkst Du also
über diese Sache doch noch nach, wozu ich auch noch
einmal bemerke, daß mir Fälbl - den ich sehr zu
schätzen weiß - als Liedersänger und vollends als
Reiter=Liedersänger weder besonders zugkräftig noch
ganz „auf der Höhe” zu sein scheint.
Mittwoch den 8. komme ich bestimmt zum Grünbeck,
da sollten wir endgültig mit einander ins Reine
kommen. Jedenfalls bitte ich Dich, die Lieder, die Du
gesungen wünschest, bald zu nennen, damit ich mich recht-
zeitig um die Noten umschauen kann. Von Leipzig
dauert es jetzt recht lange nach Wien. Als Tage
kommen - unverbindlich! - in Betracht der 25. oder
29. November und der 6. oder 11. Dezember. Sollten
wir aber um diese Zeit einen Quartettabend
mit Deinem opus zustande bringen, so würde