Millenkovich-Morold, Max von: Brief an Josef Reiter. Wien, 24.11.1915
Schloß Laubegg, Post Lebring, Steiermark
23.11.15.
Sehr geehrter Herr von Millenkovich!
Es ist sehr rührend, dass Sie sich soviel
Zeit genommen haben,mir über die Angelegenheit des Gedichtes zu
schreiben. Ich bin sehr traurig, dass mein „ Tross “ , auf den
ich so „ stolz “ war, weil er gar so gut in Reim u. Form hinein-
passt, umgeändert werden muss, doch sehe ich sehr gut ein, dass
ich, in Unkenntnis der Etymologie dieser Bezeichnung, da etwas
ganz Unrichtiges hinschrieb. Sie wissen aber als Dichter selbst
am besten, wie schwer es ist, gerade in so einem Punkt eine Umar-
beitung zu machen. Werde es aber sofort versuchen.
In Bezug auf Reiter's Sorgen wegen seinem
Sohn bitte ich ihm in meinem Namen mein aufrichtiges Mitgefühl
auszusprechen, es muss ja schrecklich sein in einer solchen Unge-
wissheit über sein Kind zu leben. Dass ihm andererseits , sowohl
als Künstler wie Vater, vom Schicksal neue Lichtblicke geschenkt
wurden, freut mich aufrichtig, u. sehe ich mit Spannung seinen
neuen Schöpfungen entgegen. Dass mein, für Chor bestimmtes,
Gedicht „ Aus grosser Zeit “ bei ihm in besten Händen sein werde,
war ich überzeugt, u. will ich mich gerne gedulden, bis er in
der nötigen Stimmung dazu sein wird. Ich dachte mir, dass
diese Dichtung in ihrer Vertonung durch Reiter ein volkstümliches
Werk werden solle, ähnlich wie die „Wacht am Rhein“ für den deutschen
Gedanken.