Moll, Carl: Brief an Unbekannt. Venedig, 8.5.1926
Venedig San Polo 2542
8./ 5. 26.
Sehr liebe Gnädige Frau.
Bei meiner jüngsten Anwesenheit in Wien
hörte ich dass Kunsthändler Nierenstein
mit Ihnen, Gnädige Frau, verhandelt um
Ihren Ausstellungssaal zu mieten und
Ihren Verlag zu übernehmen.
Ich wollte Ihnen diesbezüglich einiges
mitteilen, konnte aber in Wien keine Zeit
erübrigen. Bitte wollen Sie die An-
gelegenheit im Sinne Nierensteins
fördern. Warum? Das kann ich Ihnen
rasch sagen. Er ist der einzige in Wien,
der sich um unseren Nachwuchs kümmert,
und der jüngeren Generation vorwärts
helfen will. Sein bisheriges Lokal in
der Grünangergasse ist aber lichtlos.
Der Saal in der Dorotheergasse würde
für Nierensteins Bestrebungen von
großem Vorteile sein - ein Vorteil, der
unseren Jungen zu gute käme.
Also, bitte, liebe Gnädige Frau. Wenn
es zu machen ist - machen Sie's.
Von meiner Frau und mir die
herzlichsten Grüße
aus dem verregneten Venedig
Ihr CarlMoll.