Graz, 6.|IX.|25.
Hôtel Wiesler.
Mein lieber Freund Wilhelm!
Am 30.|VIII. hatte ich mein letztes Concert in Salzburg, und
am 31.|VIII. reiste ich hierher. Deine freundliche Einladung erreichte mich
also nicht mehr in Salzburg, sondern wurde mir hierher nachgesandt.
Graz - vor 41 Jahren zog ich hier als junger Mensch ein; keine Höhe
zu hoch, keine Weite zu weit, der Himmel voller Geigen. Als alter, gänzlich
vereinsamter, müder, heimathloser Zigeuner komme ich nun wieder; zu
einer Gruft, in der Alle beisammen schlafen, die mir das Leben ausfüllten:
Anita; unser Bub; die beiden Schwiegereltern; meine Schwägerin Fritzi. Auf
der marmornen Schriftplatte ist gerade noch Platz für einen Namen.
Du weisst ja, dass ich eine harte Kinderzeit verlebte und ein „zu Hause” kaum
kannte. Meine Mutter verlor ich, als ich zehn Jahre alt war. Von meinem Vater, einem
starren, verbitterten Mann - bayerischer Particularist reinsten Wassers, fanatischer Reactionär
in musicis - trennten mich seit meinen Knabenjahren die zwei Begriffe, die er am
meisten hasste: Bismarck und Wagner. Vielleicht half auch die Stiefmutter zur
Entfremdung. Erst kurz vor seinem Tode brachte die Geburt seines Enkels uns wieder näher. -
Da fand ich nun hier Anita; und das Haus ihrer Eltern und Graz wurden mir
zur eigentlichen Heimath. - Im vergangenen Oktober starb meine alte Schwiegermutter.
Ich darf wohl sagen, dass selten ein so harmonisches Verhältniss zwischen Schwiegermutter
und Schwiegersohn bestanden hat, wie zwischen uns; sie liebte mich wie einen eigenen
Sohn. Im September vor. Js. war ich, wie alljährlich, noch acht Tage hier bei ihr; sie war
schon sehr schwach; aber ihr plötzlicher Tod hat mich doch sehr erschüttert. Mit ihr ist mir
Hôtel Wiesler.
Mein lieber Freund Wilhelm!
Am 30.|VIII. hatte ich mein letztes Concert in Salzburg, und
am 31.|VIII. reiste ich hierher. Deine freundliche Einladung erreichte mich
also nicht mehr in Salzburg, sondern wurde mir hierher nachgesandt.
Graz - vor 41 Jahren zog ich hier als junger Mensch ein; keine Höhe
zu hoch, keine Weite zu weit, der Himmel voller Geigen. Als alter, gänzlich
vereinsamter, müder, heimathloser Zigeuner komme ich nun wieder; zu
einer Gruft, in der Alle beisammen schlafen, die mir das Leben ausfüllten:
Anita; unser Bub; die beiden Schwiegereltern; meine Schwägerin Fritzi. Auf
der marmornen Schriftplatte ist gerade noch Platz für einen Namen.
Du weisst ja, dass ich eine harte Kinderzeit verlebte und ein „zu Hause” kaum
kannte. Meine Mutter verlor ich, als ich zehn Jahre alt war. Von meinem Vater, einem
starren, verbitterten Mann - bayerischer Particularist reinsten Wassers, fanatischer Reactionär
in musicis - trennten mich seit meinen Knabenjahren die zwei Begriffe, die er am
meisten hasste: Bismarck und Wagner. Vielleicht half auch die Stiefmutter zur
Entfremdung. Erst kurz vor seinem Tode brachte die Geburt seines Enkels uns wieder näher. -
Da fand ich nun hier Anita; und das Haus ihrer Eltern und Graz wurden mir
zur eigentlichen Heimath. - Im vergangenen Oktober starb meine alte Schwiegermutter.
Ich darf wohl sagen, dass selten ein so harmonisches Verhältniss zwischen Schwiegermutter
und Schwiegersohn bestanden hat, wie zwischen uns; sie liebte mich wie einen eigenen
Sohn. Im September vor. Js. war ich, wie alljährlich, noch acht Tage hier bei ihr; sie war
schon sehr schwach; aber ihr plötzlicher Tod hat mich doch sehr erschüttert. Mit ihr ist mir