Quincke, Wolfgang: Brief an Moritz Necker. Straßburg, 26.7.1914
[in Bleistift von anderer Hand:] Vogesenstr. 3
Strassburg i. E. 26. Juli 14
Lieber Herr Doktor!
Haben Sie schönen Dank für
Ihren freundlichen Brief aus Innsbruck, wo ich gern
mit Ihnen ein bischen herumgestiegen wäre und herum-
gezecht hätte; Sie würden Ihre gute Laune schon wieder-
gefunden haben, was hoffentlich in Gesellschaft des Jugend-
freundes auch so gelungen ist.
Beissen Sie nur tüchtig um sich; es würden in Ihrem
Lande nicht so viel Niederträchtigkeiten verübt werden,
wenn jeder es in solchem Fall täte, anstatt die Faust
im Sack zu machen, weil er sich „nicht scheren will“.
(Frei nach Kürnberger). Wenn einer bei Ihnen nicht im
Kaffeehaus herumlungert, sondern auf der Hosen
sitzt und arbeitet, so gilt das als unlauterer Wett=
bewerb; kann er dabei noch etwas und versteht seine Sache,
so gilt er als der ausgemachteste Bösewicht. Das können
die Leute nicht vertragen!
Ich gehe nach Chemnitz (erschrecken Sie nicht), wo man
mich gern haben zu wollen schien und wo ein neues
Theater ist (daneben wird noch in zwei älteren gespielt).
Ich konnte nichts besseres finden und viele Jahre habe ich
ja nicht mehr zu verlieren.
Ich will nicht dorthin übersiedeln, bevor ich eines dauernden
Verhältnisses dort sicher bin, habe auch meine Wohnung hier
noch bis Ostern. Nun wird es mir aber ängstlich, Frau, Kind