Petzold, Alfons: Brief an Josef Luitpold Stern. Heiligen Kreuz, 7.7.1915
ken, daß Sie einmal von meiner Seite gehen würden. Ich weiß nicht, wer
oder was mir das entsetzliche Gefühl des Zweifels an der Liebe und
Treue der anderen zu mir ins Blut stieß. Ich leide darunter unsäg=
lich und bin ein großer Selbstquäler geworden, der unter anderem
sich fortwährend vorsagt, daß er es den ihm liebsten Menschen nicht
zeigen und schreiben kann, wie er sie liebt, was sie für ihn und sein
Leben bedeuten und fürchtet ewig mit einer aufgezwungen Mas=
ke herumzulaufen, dahinter sich sein wahres Gesicht im Schmerz des ein=
gebildeten Verkanntseins zum Weinen verzieht. Um beim Schrei=
ben dieses Briefes unter dieser dummen Vorstellung nicht zu leiden,
habe ich es an seinem Anfang klar niedergeschrieben was ich für Sie
empfinde, mein lieber, guter Freund. Ich bin ein Mensch der nur in der
Vollständigen Verschwendung seines Gemüthes an einige ihm über
alles teuere Menschen sein Glück findet und der in der Liebe dieser
zu ihm die Athmosphäre findet die er unbedingt zum Leben braucht.
Deshalb müßen auch Sie mich lieb haben, der Sie einer dieser Men=
schen sind, mich sehr, sehr lieb haben trotz einiger Dinge, die Ihnen vielleicht
unverständlich oder gar abstoßend sind. Ich war ja [mir/nie] ein Selbst=
erzieher, ein dunkler Trieb ist in mir den ich folgen muß durch Licht