Dr.Alphons Poller
Laurana bei Abbazia
Hotel Exelsior
13.Juli 1926.
Lieber Freund,
Aus Deinem Berichte ersehe ich, dass sich hinter meiner
Ahnungslosigkeit wegen dieses alten Schmöckers eine ganze Haupt=
und Staatsaktion entwickelt hat, dass die österreichische Republik
sich sogar selbst schon in ihrem Bestande bedroht sah, das Auswärtige
Amt und die Gesandtschaften des Auslandes mobil machen wollte, ja,
wie ich wohl schliessen darf, sogar bereit war, ihre ganze Kriegsmacht
zu mobilisieren. Es muss dem armen Staate wirklich schlecht
gehen, wenn er seine Gesandtschaften jetzt schon zur Eintreibung von
50Schilling-Schulden im Auslande braucht. Du wirst den Schafsköpfen
doch sicher gesagt haben, dass ich noch für 50 Schilling gut bin, dass
ich immer noch ein Atelier in Wien mit viel pfändbarer Einrichtung be=
sitze und dass ich natürlich in England andere Sorgen hatte, als mich
daran zu erinnern, ob ein Buch schon zurückgegeben sei. Natürlich
hätten mich sämtliche Konsulate und Gesandtschaften des Auslandes nicht
erwischt, denn wie hätten die Herren in England beispielsweise ahnen
können, dass ich gerade in Oatlands Park und Walton sitze, besonders
da unser Aufenthalt während des letzten halben Jahres beständig wechselte.
Wir waren nicht nur in England, sondern auch in Frankreich, in der
Schweiz usw. Ich begreife nicht, wie jemand so dumm sein kann, Dir des=
wegen Vorwürfe zu machen, da jedem einmal ein Buch verloren gehen kann
und Du natürlich nichts dafür kannst, dass ich ein halbes Jahr im Aus=
land umhergondle. Das wird wohl auch schon anderen Leuten passiert sein, die
nicht Deine Bekannten waren. Wem machen sie denn in diesem Falle die
Vorwürfe?
Ich habe natürlich jetzt Auftrag gegeben, dass die fünfzig
Schilling sofort an die Akademie bezahlt werden.
Dass Du Dich wegen dieser Lächerlichkeit mit Frigga
überwarfest und allerlei Ärger hattest, tut mir vom Herzen leid, denn
das steht nicht wirklich dafür.Für die Besorgung des Buches sage ich
Dir meinen besten Dank.
Deine Mitteilungen über eine verlorene Edda verstehe ich eigent=
lich nicht recht. Es kommt mir allerdings jetzt dunkel in Erinnerung,
dass Du mir einmal irgend einen Kommentar zur Edda zur Verfügung stelltest.
Meines Wissens habe ich aber sämtliche Bücher, die ich aus beiden
Bibliotheken entliehen hatte, im Sommer vorigen Jahres durch meine
Sekretärin zurücktragen lassen. Es ist mir ganz unbegreiflich, dass
Da noch ein Buch fehlen sollte. Ich werde sogleich nach meiner Ankunft
in Wien darnach forschen. und die Sache selbstverständlich ordnen. Es besteht eben nur eine Möglichkeit, dass
einer von den vielen Bekannten, die ins Atelier hinauf kommen, sich die
Bücher leihweise mitgenommen und nicht wieder zurückgebracht hat.
Das Mödlinger Buch zum Beispiele hat Dr.Riedl von der Jugend-Treuschaft
für sich ausgeliehe n, weil er einen „Baphomet“ darin gefunden hatte. Ich
selbst habe das Buch überhaupt nicht gebraucht. Du siehst also, dass
ich erst recht Anlass hätte, über die üblen Folgen eines Freundesdienstes
zu klagen, da mir Riedl dafür, dass ich nun 50 Schilling für ihn be=
zahle, zum Dank schon Übles genug nachgesagt hat.
Dass Du nun eine hübsche Reise vor Dir hast, ist sehr erfreulich.
Treffen werden wir einander wohl nicht mehr, da ich schon morgen von
hier wieder abreise.Wie lange ich in Wien bleiben werde, weiss ich noch
nicht, hoffe aber, Dich bei Deiner Rückkehr noch zu sehen.
Gestern erhielt ich aus Wien Nachricht, dass in Wien unter dem
Pseudonym „Berg“ ein Buch "Die weisse Pest" erschienen sei und dass Du
angeblich die Nachricht verbreitetest, ich sei der Verfasser dieses
Buches.
Falls diese Mitteilung aus Wien zutreffen sollte, diene Dir
Folgendes zur Aufklärung:
Der Verfasser eines solchen Buches kann nur Strindberg, der
Sohn des bekannten Dichters Strindberg sein. Strindberg kam im Herbste
des vorigen Jahres vor meiner Abreise ins Hotel zu mir und erzählte mir,
er habe sich eben in einem Orte der Umgebung Wiens(dessen Namen mir
Laurana bei Abbazia
Hotel Exelsior
13.Juli 1926.
Lieber Freund,
Aus Deinem Berichte ersehe ich, dass sich hinter meiner
Ahnungslosigkeit wegen dieses alten Schmöckers eine ganze Haupt=
und Staatsaktion entwickelt hat, dass die österreichische Republik
sich sogar selbst schon in ihrem Bestande bedroht sah, das Auswärtige
Amt und die Gesandtschaften des Auslandes mobil machen wollte, ja,
wie ich wohl schliessen darf, sogar bereit war, ihre ganze Kriegsmacht
zu mobilisieren. Es muss dem armen Staate wirklich schlecht
gehen, wenn er seine Gesandtschaften jetzt schon zur Eintreibung von
50Schilling-Schulden im Auslande braucht. Du wirst den Schafsköpfen
doch sicher gesagt haben, dass ich noch für 50 Schilling gut bin, dass
ich immer noch ein Atelier in Wien mit viel pfändbarer Einrichtung be=
sitze und dass ich natürlich in England andere Sorgen hatte, als mich
daran zu erinnern, ob ein Buch schon zurückgegeben sei. Natürlich
hätten mich sämtliche Konsulate und Gesandtschaften des Auslandes nicht
erwischt, denn wie hätten die Herren in England beispielsweise ahnen
können, dass ich gerade in Oatlands Park und Walton sitze, besonders
da unser Aufenthalt während des letzten halben Jahres beständig wechselte.
Wir waren nicht nur in England, sondern auch in Frankreich, in der
Schweiz usw. Ich begreife nicht, wie jemand so dumm sein kann, Dir des=
wegen Vorwürfe zu machen, da jedem einmal ein Buch verloren gehen kann
und Du natürlich nichts dafür kannst, dass ich ein halbes Jahr im Aus=
land umhergondle. Das wird wohl auch schon anderen Leuten passiert sein, die
nicht Deine Bekannten waren. Wem machen sie denn in diesem Falle die
Vorwürfe?
Ich habe natürlich jetzt Auftrag gegeben, dass die fünfzig
Schilling sofort an die Akademie bezahlt werden.
Dass Du Dich wegen dieser Lächerlichkeit mit Frigga
überwarfest und allerlei Ärger hattest, tut mir vom Herzen leid, denn
das steht nicht wirklich dafür.Für die Besorgung des Buches sage ich
Dir meinen besten Dank.
Deine Mitteilungen über eine verlorene Edda verstehe ich eigent=
lich nicht recht. Es kommt mir allerdings jetzt dunkel in Erinnerung,
dass Du mir einmal irgend einen Kommentar zur Edda zur Verfügung stelltest.
Meines Wissens habe ich aber sämtliche Bücher, die ich aus beiden
Bibliotheken entliehen hatte, im Sommer vorigen Jahres durch meine
Sekretärin zurücktragen lassen. Es ist mir ganz unbegreiflich, dass
Da noch ein Buch fehlen sollte. Ich werde sogleich nach meiner Ankunft
in Wien darnach forschen. und die Sache selbstverständlich ordnen. Es besteht eben nur eine Möglichkeit, dass
einer von den vielen Bekannten, die ins Atelier hinauf kommen, sich die
Bücher leihweise mitgenommen und nicht wieder zurückgebracht hat.
Das Mödlinger Buch zum Beispiele hat Dr.Riedl von der Jugend-Treuschaft
für sich ausgeliehe n, weil er einen „Baphomet“ darin gefunden hatte. Ich
selbst habe das Buch überhaupt nicht gebraucht. Du siehst also, dass
ich erst recht Anlass hätte, über die üblen Folgen eines Freundesdienstes
zu klagen, da mir Riedl dafür, dass ich nun 50 Schilling für ihn be=
zahle, zum Dank schon Übles genug nachgesagt hat.
Dass Du nun eine hübsche Reise vor Dir hast, ist sehr erfreulich.
Treffen werden wir einander wohl nicht mehr, da ich schon morgen von
hier wieder abreise.Wie lange ich in Wien bleiben werde, weiss ich noch
nicht, hoffe aber, Dich bei Deiner Rückkehr noch zu sehen.
Gestern erhielt ich aus Wien Nachricht, dass in Wien unter dem
Pseudonym „Berg“ ein Buch "Die weisse Pest" erschienen sei und dass Du
angeblich die Nachricht verbreitetest, ich sei der Verfasser dieses
Buches.
Falls diese Mitteilung aus Wien zutreffen sollte, diene Dir
Folgendes zur Aufklärung:
Der Verfasser eines solchen Buches kann nur Strindberg, der
Sohn des bekannten Dichters Strindberg sein. Strindberg kam im Herbste
des vorigen Jahres vor meiner Abreise ins Hotel zu mir und erzählte mir,
er habe sich eben in einem Orte der Umgebung Wiens(dessen Namen mir