Redlich, Josef: Brief an Flora Singer. Wien, 1.6.1915
Wien, am 1.6. 1915.
Sehr geehrte Freundin!
Ich habe gestern Ihr Schreiben vom 4.d.M., das mir durch die
Schweizerische Agentur zugegangen ist, empfangen, und teile Ihnen mit,
dass ich auch Ihr früheres Schreiben erhalten habe, in dem Sie mir den
so erfreulichen Erfolg Ihrer Töchter mitteilten. Ich habe diesen
Brief mit einer Karte kurz beantwortet. DassSie letztere nicht erhalten,
haben, tut mir ausserordentlich leid.
Es ist für mich sehr schwer, Ihnen bei der Fülle augenblicklicher Arbeitslast eigenhändig zu schreiben und ich
bediene mich daher der Schreibmaschine.
Ich will Ihren Wunsch gerne erfüllen und an President Pritchett schrei-
ben, obgleich ich dagegen von vornherein das Bedenken hatte, dass ich
sehr zweifle, ob Pritchett etwas in der gewünschten Richtung tun kann.
Ein Mann wie er, der sich gegenüber allen Unterrichtsinstitutionen
vollkommen unabhängig erhalten muss, ist nicht leicht in der Lage,
persönliche Empfehlungen an Institute zu geben. Dennoch will ich ihm
gleich in den nächsten Tagen schreiben und zwar in der Weise, dass
ich ihm die Namen Ihrer Töchter mit wärmster Empfehlung ihrer Persön-
lichkeiten nenne und ihn darauf vorbereite, dass Ihre Töchter unter
Berufung auf mich an ihn schreiben werden. Ob Pritchett überhaupt et-
was machen kann oder will, ist mir, wie schon bemerkt, sehr zweifel-
haft. Da mein amerikanischer Briefwechsel ohr Störung vor sich geht,
so nehme ich an, dass dieser Brief, den ich Ihnen den hiesigen Post-
vorschriften entsprechend offen und direkt übersende, Sie erreichen
wird. In derselben Form schreibe ich auch an Pritchett.
Sie werden inzwischen wohl erfahren haben, dass wir Italien,
unseren ehemaligen "Verbündeten" zu unserem Gegner haben und bei dem
mir aus der Presse wohlbekannten Gefühl, das Amerika für uns und
Deutschland hat, muss ich mich beinahe wundern, wenn nicht nächstens
Uncle Sam in die Reihe jener tritt, welche Deutschland und Oesterreich
im Namen der höheren Kultur den Garaus machen wollen. Nun haben wir
uns bisher unserer Feinde prächtig erwehrt, sind eben im Begriffe,
die Russen aus Galizien hinauszuwerfen und so, hoffe ich, werden wir
auch mit den Italienern zu Wasser und zu Lande fertig werden.
Ich kann Ihnen nur raten, keinerlei Tartarennachrichten über Oesterreich
und Wien zu glauben; in Wien sieht es geradeso aus wie immer, Wenn
wir nicht ein wenig Brod und Fleisch sparen müssten, so würde man vom
Kriege gar nichts merken. Schliesslich lebt man hier immer noch billiger
als in New York. Mir und meinem Sohne geht es ausgezeichnet und ich
hoffe dasselbe von Ihnen.
Mit den herzlichsten Grüssen Ihr
ergebener Prof. Redlich
P.S. Ihre Töchter sollen in etwa 14 Tagen unter Berufung auf mich an
Pritchett schreiben; inzwischen wird er wohl mein Schreiben schon er-
halten haben. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen muss man aber auch damit
rechnen, dass ein Brief verloren geht.