Redlich, Josef: Brief an Martin Dauer-Darkow. Wien, 9.1.1915
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Schicksal Deutschlands nach dem erwarteten Siege der mit den Japanern,
Negern und Hindus verbündeten Westmächte sowie Russlands zu lesen,
um zu sehen, dass hier der schnödeste Neid und Hass die Feder führen
und die Geister lenken und vollends wird die Sache lächerlich, wenn ge-
wisse Herren, darunter auch der von Ihnen, glaube ich, viel zu günstig beur-
teilte Herr Shaw wohlwollend erklären, das deutsche Volk sei ja an sich
ganz anständig, der deutsche Bauer sei ja ein ganz braver Mann, aber
die deutsche Technik, welche das Kriegswerkzeug geschaffen hat, mit dem
esdie Welt erobern will, müsse vernichtet werden, und an die Stelle
der Junkerherrschaft müsse die Demokratie treten, wobei uns Deutschen
dann vielleicht noch die Wahl gelassen wird zwischen den verschiedenen
Blüten der französischen und englischen Demokratie, etwa zwischen der
Marconidemokratie des Herrn L. George oder dem Panamismus des Herrn
Clèmenceau. Natürlich lachen wir über derartige Wutausbrüche und
Pläne, das deutsche Volk wieder als einen Haufen von ohnmächtigen Klein-
staaten zu organisieren. Sie haben vollständig recht, wenn Sie mit dem
Siege unserer Seite rechnen. Deutschland wird Niemand überwinden
und das allein wäre schon ein gewaltiger Sieg, aber ich denke, es wird
noch besser kommen.
Im gegenwärtigen Augenblick interessiert uns hier selbstver-
ständlich ganz besonders der nun offen zu Tage getretene Gegensatz zwi.
schen der amerikanischen Bundesregierung und England hinsichtlich der
Konterbandefrage. Es ist zu hoffen, dass die amerikanische Demokratie
auf diesem Gebiete, wo Geschäftsinteresse sich sehr leicht in Fair play
für beide kriegführende Teile umzusetzen vermag, nicht klein beigeben
wird. Ich wünschte nur, dass sich die Herren in den Nordstaaten ein
wenig die Geschichte des Sezessionskrieges und das Verhalten Englands
in jener Zeit des warmen Eintretens Gladstones für die Sklavenhälter
in Erinnerung rufen möchten. Ich rechne damit, dass, wie Sie richtig
sagen, das kapitalistische Interesse in Amerika das ausschlaggebende
ist und dass sich dieses Interesse nicht bloss in der Sorge für die
Sicherheit des Bondsmarktes, sondern auch vor allem in der Fürsorge
für den amerikanischen Farmer und Industriellen betätigen wird. Ebenso
hoffe ich aber auch, dass Amerika rechtzeitig die Gefährlichkeit der
Politik erkennen wird, die England und Frankreich gegenüber Japan
betreiben. Gerade von diesem Gesichtspunkte aus stimme ich Ihnen voll-
ständig zu, dass nichts verkehrter wäre, als irgendwie heute mit hefti-
gen Angriffen gegen Amerika vom deutschen Standpunkte aus aufzutreten.
Denn eines Tage wird die Solidarität der weissen Rasse das