Redlich, Josef: Brief an Flora Singer. Wien, 22.12.1920
denn die jungen Mädchen hin, wenn sie so ihre ganze
Jugend zum Opfer bringen! Bitte, übermitteln Sie meine
herzlichsten Grüsse an alle drei jungen Damen!
Die Geschichte, die Sie über Hugo v. Hofmannsthal
gelesen haben, ist natürlich nicht wahr: gerade im letzten
Jahre hat er durch zalreiche Aufführungen seines „Jedermann“
in Deutschland, Skandinavien Holland und durch seine
Tantièmen von den Texten der Richard Strauss'schen Opern
nicht unbedeutendes Einkommen. Allerdings: hätte er das nicht,
so müsste er ebenso darben, wie die meisten wirklichen Künstler
und Dichter hierzulande thun u. wie fast alle hohen Beamten
und Universitätsprofessoren. Wenn man mit drei Kindern
hier im alten Sinn bürgerlich leben will, so muss man
wenigstens 500000 Kronen ausgeben können, was allerdings
jetzt nur 70 - 80000 Mark oder 250 - 400 ₤ Sterling oder
800 - 1200 Dollar sind.
Was Sie mir über Billy erzählen, hat mich
sehr gerührt. Früher oder später wird man aber ein
Thierfreund: die Thiere haben nicht genug Verstand, um
Egoisten zu sein. Oder - ihr Ego ist leicht befriedigt, man
muss sie nur füttern und dann sind sie dankbar. Was
Menschen eben nicht sind, weil sie mit ihrem „Ich“
bis zur letzten Minute zuviel zu thun haben. Dies ist
aber offenbar notwendig: denn ohne dieses überstarke „Ich“
wären aus Thieren nie Menschen geworden. Obgleich ich
so altvaterisch bin, daran zu glauben, dass die Darwinsche
Lehre nicht richtig ist - vielmehr Gott von Anfang an die
Menschen als ein Halbwesen zwischen sich und dem Thier hat
entstehen lassen! Mit herzlichen Grüssen Ihr alter
Thier- Menschen- und Gottesfreund
Josef R