Reiter, Josef: Brief an Max von Millenkovich-Morold. Wien, 20.1.1920
Wien 20.1.1920.
Liebster Max!
Umstehend ein kleiner Beitrag zum Chopin Heft.
Ich möchte noch viel mehr sagen: aber es würde
ja heute nur in die Luft verpuffen.
Die Auflösung meines Haushaltes gibt
mir so viel Arbeit, daß ich nicht weiß, wo ein
und aus. Was sich in der kurzen Spanne eines
Menschenlebens Alles an geistigem und materiellem
Hausrat und Gerümpel ansammelt, daß man
es nicht überblicken oder auch nur halbwegs ordnen kann,
hätte ich nicht für möglich gehalten. An wie viele
Dinge habe ich mein Herz gehängt, die mich heute ganz
kalt und gleichgiltig laßen! Es ist doch Alles eitel
auf dieser Welt!
Mein Schwiegersohn will nächstens einmal den
Klavierauszug der Weihnachtsmesse bei Dir holen;
Lindner in Dresden will ihn: er möchte das Werk
im November herausbringen. - Der Ubl-Abend
ist am 30 d. M. Nicht wahr? Da schickst Du mir
ja Karten. Leb wohl! Innigste Grüße an
die Mama!
Dein alter Sepp.