Reiter, Josef: Postkarte an Max von Millenkovich-Morold. Wien, 1.2.1914
Liebster Max! Wenn die Wiener Musikkritik nur ein Zehntel des
Verstandes und Verständnisses besäße, die sie nicht besitzt, so müßte
sie einen Sturm der Entrüstung entfachen, als die
Berufung Schalks zum Dirigenten des Bachfestes kundgemacht
wurde. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß man aus
der H moll Messe so etwas Kraft= Seelen= und Fantasieloses machen
könne, wie es dieser Jammerdirigent zustande brachte. Der hat
den Geist des großen Thomaskantors nie rauschen gehört.
Was Modification des Zeitmaßes heißt, ist dem Menschen völlig
unbekannt; das einmal gewählte Tempo wird mit der Starr=
heit eines Metronoms festgehalten. Die langsamen Sätze nimmt
er stets und totsicher zu langsam, die schnellen zu schnell. Der
Herrgott bewahre mich davor, daß je einmal eines meiner
Werke in die Hände dieser Maschine gerate! -