Richter, Elise: Brief an Margarete Rösler. Wien, 23.10.1918
23 Okt. 1918
Liebe Margarete.
Das sind freilich ernste Zeiten; jeder
einzelne fühlt die Unsicherheit der Zu-
kunft am eignen Leibe. Was wird aus
den Hofschauspielern?? Kobler vermutet,
nur noch einige Tage im Amt zu sitzn
(Gemeinsames Ministerium). Lederers mit
ihren Fabriken und Gütern in Ungarn, Lem-
berg, Böhmen und N. Oe. fragen sich, wo
sie hin gehören. Wer übernimmt die Staats-
schuld und wovon leben wir dann?
Dabei bin ich unsagbar gefesselt von
dem Schauspiel dieser sich aus sich selbst
neu gebärenden Welt, deren roher und
gewiss moralisch sehr anfechtbarer Geburts-
helfer Wilson ist. So viel scheint mir
! sicher: schlechter kann es nicht werden,
und unvermeidlich war es sicher. Das
ist eben der Sieg der Entente. Ich glaube, der
allgemeine Hass und Widerwille der Völker
gegen einander wird sich rasch legen, im
Augenblick wo sie klar auseinandergerissen
sind und aus freiem Uebereinkommen
Bündnisse zu gegenseitigem Vorteil schliessen
können. Und brauchen tun sie sich doch.