Rieger, Erwin: Brief an Arthur Roessler. Schruns, 15.8.1918
ERWIN RIEGER
Schruns bei Bludenz, Vorarlberg, 15. VIII. 18. Hotel Taube
Lieber Herr Rössler,
hiermit übersende ich Ihnen, was ich während meiner 5tägigen Quaran=
taine hier noch an „Aucassin und Nicolette” fertigstellen konnte. Die Blätter
II-V enthalten die Einleitung, die Blätter 10-13 die Fortsetzung des
Textes. Bitte, bestätigen Sie mir den Empfang blattweise, damit ich sicher
bin, daß nichts verloren gegangen ist. Ich muß den Brief nämlich wegen
der Zensur offen aufgeben. - Die Einleitung hab ich kürzer gefaßt, als
dies ursprünglich geplant war, weil ich der Ansicht bin, daß nicht mehr
über das Gedicht zu sagen ist; dagegen wird der Text wohl etwas um=
fangreicher werden, als ich ursprünglich dachte. Wenn Sie vielleicht einmal
einen Blick in das Manuskript werfen, wird es mich sehr freuen
zu hören, wie Sie mit der bisher geleisteten Arbeit zufrieden sind.
War meine Schwester bei Ihnen und hat Sie Ihnen alles ausgerichtet,
was ich Ihnen in der Eile des Abschieds zu sagen vergaß?
Ich fühle mich hier, wider alles Erwarten, unendlich wohl. Die Gegend
ist ganz herrlich, auch das Wetter gut. Jeden Morgen um 10 haben
wir uns alle bei der Gendarmerie zu melden und unsere
Bewegungsfreiheit ist so ziemlich auf den Ort beschränkt. Aber
gerade dieses vollkommene von der Welt Abgeschlossen-Sein ist
so gut, wenn auch man es ja auf die Dauer schwerlich
ertragen könnte. Morgen mittags soll es weiter, nach Zürich,
gehn. Dies freut mich vor allem, weil die Verpflegung recht knapp ist