Richter, Elise: Postkarte an Margarete Rösler. Wien, 12.3.1915
12 März 15
XIX. Carl Ludwigstrasse 69
L. G. Gestern
war ich so müde, dass ich nicht
einmal zum schreiben kam. Ich billige,
dass Du nicht gekommen bist, was
nicht hindert, dass Du mir gefehlt
hast. Uebrigens war von auswärts
so viel ich sah, niemand da. Die Rede
ML's steht heut ziemlich richtig im
Tagbl., gestern soll ja schon viel in der
Presse gestanden haben. Im ganzen war es
wol gelungen u. würdig, und verlief
glatt, wenn man abrechnet, dass der R-r
wie ein bauer aussieht und spricht, und
der Dekan (H-l-r) wie ein Trottel. Der Stu-
dent, der den Dank der Schülerschaft zu spre-
chen hatte, blieb gänzlich stecken in einer
überaus dürftig komponirten Rede und die
Plaquette, die im Wachs, unfertig u. sehr un=
günstig aussehend, auf eine Onyxplatte
gelegt war (sie kommt dann auf einen
stehenden Onyxblock), misfiel allgemein.
Im Uebrigen war es aber doch gut. Becker
sprach nämlich geradezu ausgezeichnet,
warm, würdig, schwungvoll, wie er sich
denn in der ganzen Sache einen Einser in
Benehmen verdient hat. MLs Rede war gut,
wenn man von der inneren Unwahrheit der
Situation absieht. Freilich kann und braucht
das nicht dem Publikum bei der Abschiedsfeier
gesagt zu werden. Auf mich und wol auf alle,
denen es nahe geht, wirkte es fast wie