Rieger, Erwin: Brief an Arthur Roessler. Salzburg, 8.4.1921
ERWIN RIEGER
Lieber, verehrter Herr Rössler,
Ihre liebe Karte vom 23. März aus Mariazell konnte ich nicht beant=
worten, weil Sie ohne Adresse war. Jetzt kam auch Ihr Brief vom 1. Wie
schade und bedauerlich, daß Ihr Erholungsausflug so unerfreulich
zu Ende ging! Ich hoffe aber die gnädige Frau und Sie jetzt schon wieder gesund.
Der „Mumps” ist ja, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, sehr schmerzhaft
und lästig, doch geht er bald vorüber. - Wie schön wäre es, wenn Sie wirklich
nach Ischl kämen! Ich war vorige Woche, auf der Fahrt nach Traunkirchen,
ein paar Stunden dort. In Traunkirchen wohnte ich im Gasthof am Stein,
einem einfachen Landwirtshaus, aber mit ausgezeichneter Verpflegung. Es dürfte dort
billiger sein als in Ischl. Da ich eingeladen war, weiß ich von den Preisen
nichts. Ich hatte herrliches Wetter und es wäre ganz prachtvoll gewesen, aber
es ging mir ähnlich wie Ihnen: am Tag meiner Ankunft zeigte sich ein
böse, schmerzhafte Geschwulst - allerdings an einer andern Stelle als bei Ihnen.
Hierher zurückgekehrt, mußte ich ins Bett und mich einer Behandlung unter=
ziehen, die jetzt, Gott sei Dank, zu Ende geht.
Ich arbeite viel. Vor allem übersetze ich für Georg Müller Sthendals „Mémoires
d'un touriste”, aber nicht mit viel Freude. Dann stelle ich dieser Tage das erste
Manuskript einer Novelle „Die Tragikomödie der Kleider” fertig. Sie hat
etwa den Umfang von „Juliska”, behandelt aber ein sehr gewagtes erotisches
Thema und spielt daher in Palermo. Die Sache ist so „pervers”, daß sie nur