Richter, Helene: Brief an Maia von Kralik. o.O., 1.12.1928
XIX
Weimarerstrasse 83
i.i2.928
Verehrte und sehr liebe Freundin,
in tiefer Bewegung lesen wir soeben die Traueranzeige in der Zeitung.
Wie viel Leidvolles und Erschütterndes liegt in so wenigen schlichten
Worten.Es will mir gar nicht recht ein,dass mein kurzes Zusammensein
mit dieser prachtvollen Frau, die mir immer wie eine Verkörperung hei-
terer Lebensschönheit erschien, _ im Frühling, in der Goethegesellschaft_ wirklich eine letzte Begegung gewesen
sein soll.Wir denken Ihrer in herzlichster Teilnahme. Sie haben ja
auch nur diese eine Schwester gehabt, von der Sie sich nun trennen
mussten.Aber Ihr immerdar alle Widerstände bezwingendes Bewustsein,
wie unentbehrlich Sie Nah_ und Nächststehenden sind,muss Sie auch von
diesem Grabe ins Leben zurück reissen. Schonen Sie sich!
Sobald Sie uns brauchen können, kommen wir auf ein Plauder_ und Lese-
stündchen,
Heut genüge es an diesem Beileidsgruss alter, mitfühlender
Freundschaft Ihre Helene Richter