Rosegger, Peter: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 29.10.1915
Ich möchte Dich nur fragen, ob Du damit
einverstanden bist, daß ich im Tagebuch durch
eine Notiz auf Mamas Geburtstag
hinweise. Sie verdient es wirklich,
daß man von ihm Notiz nimmt. [in Bleistift: X]
Der Krieg mit seinen Folgen auch für
mich geht mir nun doch an die Nerven.
[am Rand:] Zensur!
[die folgenden viereinhalb Zeilen sind unleserlich gemacht]
Aber Anderes ist schlimmer.
Das schauderhafte Menschenabschlachten
u. kein Absehen! Selbst im Falle des
Sieges leidet der Glaube an die Menschheit.
Humoristischer ist die Nahrungsfrage,
da man im Zentrum eines fruchtbaren
Landes um viel Geld kein Stückel Brot,
keinen Erdapfel kriegt! - Aber mir
geschieht schon recht, warum habe ich einst
die bäuerlichen Fleischtöpfe u. Korn=
kammern verlassen. Die Städter u.
Industrieleute haben mich oft ausge=
lacht mit meinem Sermon, daß der
Bauernstand der wichtigste Stand ist.
Jetzt betteln sie an den Toren der
Bauernhöfe um Brot u. Milch
u. Butter, u. die Herren Bauern