Rosegger, Peter: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 4.4.1917
O
Lieber Freund!
Deine Sache läßt mir keine Ruh, ich
muß immer dran denken.
Der Rat zur Trennung oder zum bloßen
Auseinandergehen haben wir Durch=
schnittsmenschen gegeben, und er paßt
auch nur für Durchschnittsmenschen. Nun
bist Du aber anders, Du bist mehr. Du bist
so ein bischen Christusnatur u. nach Deinen
gestrigen Bekenntnissen zu schließen wird zur entschei=
denden Stunde der Wille zu schwach und
das Mitleid zu stark sein.
Ohne gegenseitige Einwilligung ist eine
Trennung wol nicht möglich. Du wirst von
ihr diese Einwilligung verlangen. So
lange sie Dich nicht freilassen will, also
Dich an Deinem Glücke hindert, wirst Du
sie hassen. Sobald sie aber aus Liebe
zu Dir auf Dich verzichtet, wird dieses
Opfer in Dir die Liebe wieder er=
wecken; das Mitleid wird Dir nicht
gestatten, die alternde kranke Frau
allein zu lassen. Und Du gewinnst