Salten, Felix: Brief an Ernst Decsey. Franzensbad, 21.7.1917
Franzensbad, Haus Eiche
21. 7. 17
Lieber Freund,
einen Tag vor unserer Abreise hat mich Herr Direktor
Graefenberg angerufen, den ich leider - eben wegen der Abreise - nicht mehr
empfangen konnte. Er sagte mir, dass er die "Kinder der Freude" spielen
wolle, die er durch Sie kennen gelernt habe. Mich freut diese Aufführung
ganz besonders, weil Sie von Ihnen angeregt und angestiftet ist. Und ich
danke Ihnen herzlich dafür. Mir wird die Premiere ein Anlaß sein, nach
Graz zu kommen, worauf ich mich ganz extra noch freue. Ehe wir hierherfuhren,
sind wir in [Föred] bei Zsolnays gewesen, wo wir alle sehr oft Ihrer dachten und
von Ihnen sprachen. Was macht Ihr Roman? Was machen Sie? Ich arbeite
fast garnichts, weil ich durch die allgemeinen Dinge so tief verstimmt bin, dass
mir das Arbeiten gleichgiltig und fast bis zur Lächerlichkeit unwichtig erscheint.
Ein unangenehmer Zustand, doppelt zuwider, wenn man doch von seiner
Arbeit lebt und noch immer nicht gelernt hat, diese Arbeit blos als Erwerb zu
betreiben. Bitte, geben sie bald wieder ein Lebenszeichen. Ihr Brief über meine
Einakter war mir eine Stärkung. In aller Kürze haben Sie doch genau das
gesagt, worauf es mir ankommt, nämlich das von dem ernsten menschlichen
Gehalt. Es ist merkwürdig und auf unerfreuliche Weise bezeichnend, dass die
deutschen Literatoren jede Sache, die Humor hat, als "leicht" nehmen. Und dabei
ist es doch, weiß Gott, leichter, seine Figuren sterben zu laßen, als sie über
einen Schmerz hinaus zu einem Lächeln zu heben.
Auf Wiedersehen. Herzliche Grüße von meiner Frau. Und von
mir viele herzliche Grüße an Sie Alle. Aufrichtig Ihr
Felix Salten
[andere Hand, mit Bleistift:] 471963/H AC