Schlinkert, Franz: Brief an Heinrich Friedjung. Gresten, 14.2.1919
bildet. Ich bin ja ein vereinsamter Mensch u. durch die Kriegszeit, die ich hier
verbrachte, ganz verbauert. Bin zum Gewerbe der Väter zurück=
gekert u. teilweise „Selbstversorger” geworden. Mein Son meldete sich
bei Kriegsbeginn freiwillig als Truppenarzt u. machte den Krieg wärend
seiner ganzen Dauer, merfach ausgezeichnet, an der Kampffront in Galizien
u. Kärnten mit. Ich danke Gott, dass er alle Gefaren, abgesehen von einer
schweren Erkrankung in Galizien, heil überdauert hat. Jetzt ist er wieder
dort, wo er früher war - armseliger Sekundararzt beim Chirurgen
Brenner im Linzer allgem. Krankenhause; die 4 Kriegsjare sind für seine
berufliche Laufban vollständig verloren. Aber er soll ser geschickt sein und
wird sein Drauskommen finden. Das ist auch ein Glück. Denn für Men=
schen, wie ich, die von einem bescheidenen Kapitalvermögen leben und im
übrigen ihren Träumen nachhängen, ist kein Platz mer auf der Welt.
Jetzt stehen wir vor den Walen. Wie sie ausfallen werden,
darüber getraue ich mir kein Urteil abzugeben. Auffallend ist der Um=
schwung in der allgemeinen Stimmung zu ungunsten der Klerikalen.
Viele Bauern u. namentlich Bauernknechte, besonders solche, die von
der Front kamen, bekennen sich als „Rote”; aber auch ihr Deutschbewußt=
sein betonen viele, was man sonst gar nie gehört hat.
Ich begrüße Sie herzlich in alter Treue
Ihr dankbarer
Schlinkert[...].