Schliessmann, Hans: Brief an Adele Strauss. Wien, 5.2.1915
5. Februar. 1915
52 HIETZINGER HAUPTSTRASSE
XIII, WIEN
Hochverehrte gnädige Frau!
Lassen Sie zunächst mich eine bei meiner letzten Sendung mir
unterlaufene Vergesslichkeit in Ordnung bringen und durch nachträgliche
Übermittlung der beiden anliegenden Karten wieder gut machen; nämlich
die Johann Strauss am Klavier darstellende Silhouette, von der ich Sie
nicht gerne entzogen wüsste. Und nun zu jenem, von Ihnen völlig verkannten,
auf Kalbecks linker Hand zitternden, von dessen rechten Zeigefinger
mahnend bedrohten Geiger. Wieso glauben Sie, dass der Genius eines
Johann Strauss jemals in dieser Position zu beugen sich veranlasst
gesehen hätte? Selbst nicht einem Kalbek gegenüber, es wäre denn aus
dem Anlasse geschehen, um letzterem die Lorbeerkrönung leichter zu
machen. Lassen Sie sich vielleicht gelegentlich einmal die Hefte 31
Jahrgang 29. und 9., Jahrgang 30. von Reclam's Universum -
- (Leipzig, Inselstrasse 22.), zukommen; die müssten, denke ich,
doch ein ganz besonderes Interesse für Sie haben.
a propos, die Kalbeck=Silhouette: die Attütüde des Geiger's weist
nicht die geringste Verwandtschaft mit der Strauss=Statuette von
Tilgner auf; man hat Sie da ganz falsch unterrichtet. Zudem liess
meine Schaffensart noch niemals und nicht im entferntesten sich
von irgend einem Vorbilde irgendwie beeinflussen!
Ihnen für das meinen Arbeiten gegenüber bewiesene Interesse
schönstens dankend, verbleibe ich, Sie verehrungsvollst grüssend,
Ihr aufrichtig ergebener
[...] HanSchließmann
Auch von meiner Frau freundlichste Grüsse!