Breslau, 23.3.31.
Hochverehrter Herr Kraus!
Jch hätte Jhnen schon längst in der Sache Bischoff geschrieben. Aber
ich musste sogleich nach Jhrer Abreise ein paar Tage mit einer schlimmen
Halsentzündung zu Bett liegen und bin heute noch nicht fieberfrei, so kam
ich nicht dazu, in der Sache etwas zu unternehmen. Gestern nun hatte ich noch
einmal eine Unterredung mit Herrn Runge. Sie wissen, dass Herr Runge aus be-
greiflichen Gründen mit seinem Zeugnis einstweilen zurückhalten möchte, dass
er indessen, wenn es die Entwicklung der Affäre erfordert, sich zur Verfügung
stellen wird. Jch selbst war ja nicht Ohrenzeuge jener Äusserungen Bischoffs.
Jedoch könnte ich die Sache durch die Aussage vertreten, dass ich, von Herrn
Runge informiert, mich verpflichtet gefühlt hätte, mit Jhnen zu sprechen.
Der Fall wird dadurch noch einfacher, dass, wie ich inzwischen durch einen
neuen Ohrenzeugen erfahren habe, Bischoff sich auch anderwärts in demselben
durchaus ablehnenden Sinne über Karl Kraus ausgesprochen hat. Was so viele
Ohren offenbar wahllos bei der und jener Gelegenheit gehört haben, wird er
wohl nicht zu leugnen versuchen. Er lehnt Karl Kraus ab und spielt ihm
Aug in Auge eine Komödie begeisterter und überzeugter Anhängerschaft vor,
um, kaum vom Tische aufgestanden, ihn wieder abzulehnen: aus dieser Schlinge
wird er sich nicht herauswinden können. Sollte aber dennoch das Unwahrschein-
liche geschehen und Bischoff zu leugnen versuchen, so wird der Tatbestand
beweiskräftig erhärtet werden. Bis dahin kann die Tatsache genügen: Dass Sie
im Bilde sind.
Zu erwähnen bleibt noch ein Umstand, der mir an jenem Abend unseres
Zusammenseins mit Bischoff aufgefallenist. Dass ich damals sogleich das Ge-
fühl hatte, Bischoff spiele Komödie, sagte ich Jhnen schon. Jn einem Punkt
ist er vielleicht zu fassen. Jedesmal nämlich, wenn ich in irgendeinem Zu-
Hochverehrter Herr Kraus!
Jch hätte Jhnen schon längst in der Sache Bischoff geschrieben. Aber
ich musste sogleich nach Jhrer Abreise ein paar Tage mit einer schlimmen
Halsentzündung zu Bett liegen und bin heute noch nicht fieberfrei, so kam
ich nicht dazu, in der Sache etwas zu unternehmen. Gestern nun hatte ich noch
einmal eine Unterredung mit Herrn Runge. Sie wissen, dass Herr Runge aus be-
greiflichen Gründen mit seinem Zeugnis einstweilen zurückhalten möchte, dass
er indessen, wenn es die Entwicklung der Affäre erfordert, sich zur Verfügung
stellen wird. Jch selbst war ja nicht Ohrenzeuge jener Äusserungen Bischoffs.
Jedoch könnte ich die Sache durch die Aussage vertreten, dass ich, von Herrn
Runge informiert, mich verpflichtet gefühlt hätte, mit Jhnen zu sprechen.
Der Fall wird dadurch noch einfacher, dass, wie ich inzwischen durch einen
neuen Ohrenzeugen erfahren habe, Bischoff sich auch anderwärts in demselben
durchaus ablehnenden Sinne über Karl Kraus ausgesprochen hat. Was so viele
Ohren offenbar wahllos bei der und jener Gelegenheit gehört haben, wird er
wohl nicht zu leugnen versuchen. Er lehnt Karl Kraus ab und spielt ihm
Aug in Auge eine Komödie begeisterter und überzeugter Anhängerschaft vor,
um, kaum vom Tische aufgestanden, ihn wieder abzulehnen: aus dieser Schlinge
wird er sich nicht herauswinden können. Sollte aber dennoch das Unwahrschein-
liche geschehen und Bischoff zu leugnen versuchen, so wird der Tatbestand
beweiskräftig erhärtet werden. Bis dahin kann die Tatsache genügen: Dass Sie
im Bilde sind.
Zu erwähnen bleibt noch ein Umstand, der mir an jenem Abend unseres
Zusammenseins mit Bischoff aufgefallenist. Dass ich damals sogleich das Ge-
fühl hatte, Bischoff spiele Komödie, sagte ich Jhnen schon. Jn einem Punkt
ist er vielleicht zu fassen. Jedesmal nämlich, wenn ich in irgendeinem Zu-