KURT WEILL
9 BIS, PLACE ERNEST DREUX
LOUVECIENNES (S.-&-O.)
TÉLÉPHONE 128
27.März, 1934.
Lieber Ernst Krenek,
schon seit längerer Zeit wollte ich Ihnen, ohne einen
direkten Anlass, ein paar Zeilen schreiben, weil ich gehört habe,
dass Sie mit Ihrer Oper Schwierigkeiten haben. Heute schreibe ich
Ihnen aus einem bestimmten Grunde. Es handelt sich um folgendes:
ich habe im Anbruch Ihren ausgezeichneten Artikel über Sauguet
gelesen und schreibe Ihnen in einer Sache, die ihn betrifft. Es
geht ihm sehr schlecht. Er verdient keinen Pfennig mit seiner
Arbeit und hat, im Gegensatz zu seinen hiesigen Kollegen, keinen
vermögenden Vater. Nun arbeitet er seit Jahren an einer Oper nach
der "Chartreuse von Parma". Man sagt allgemein, es sei ein sehr
gut gemachtes Buch, und besonders Milhaud sagte mir, dass es musika-
lisch grosse Qualitäten hat. Ich selbst kenne es noch nicht, aber
nach dem, was ich von Sauguet kenne, vermute ich, dass er etwas
sehr schönes, sehr französisches fürs Theater machen könnte. Er
hat mehr als zwei Drittel fertig und könnte bequem im Laufe des
Sommers das Ganze fertigstellen, wenn es ihm materiell möglich wäre.
Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie glauben, dass das eine Sache wäre,
die die Universal-Edition interessieren könnte und ob sie ihm even-
tuell einen kleinen Vorschuss zahlen würde. Milhaud sagt mir, er
sei überzeugt, dass die Grand Opéra das Werk spielen wird. Ausser-
dem halte ich für sehr leicht möglich, dass man es in Deutschland
spielen wird, da Sauguet"Arier" ist und da man sicher über kurz oder
lang mit der "kulturellen Annäherung" zwischen Frankreich und Deutsch
land beginnen wird. Ich wende mich in dieser Frage zuerst an Sie, da
Sie die Verhältnisse bei der U.E. besser überblicken und mir sagen
können, ob es überhaupt einen Zweck hat, mich an sie zu wenden.
Mir geht es gut. Ich kann hier sehr gut arbeiten, habe
viele Projekte, von denen einige sich sogar zu verwirklichen schei-
nen. Und wie geht es Ihnen? Ich würde mich freuen, von Ihnen zu
hören.
Für heute viele herzliche Grüsse für Ihre Frau und Sie.
Ihr
Kurt Weill
9 BIS, PLACE ERNEST DREUX
LOUVECIENNES (S.-&-O.)
TÉLÉPHONE 128
27.März, 1934.
Lieber Ernst Krenek,
schon seit längerer Zeit wollte ich Ihnen, ohne einen
direkten Anlass, ein paar Zeilen schreiben, weil ich gehört habe,
dass Sie mit Ihrer Oper Schwierigkeiten haben. Heute schreibe ich
Ihnen aus einem bestimmten Grunde. Es handelt sich um folgendes:
ich habe im Anbruch Ihren ausgezeichneten Artikel über Sauguet
gelesen und schreibe Ihnen in einer Sache, die ihn betrifft. Es
geht ihm sehr schlecht. Er verdient keinen Pfennig mit seiner
Arbeit und hat, im Gegensatz zu seinen hiesigen Kollegen, keinen
vermögenden Vater. Nun arbeitet er seit Jahren an einer Oper nach
der "Chartreuse von Parma". Man sagt allgemein, es sei ein sehr
gut gemachtes Buch, und besonders Milhaud sagte mir, dass es musika-
lisch grosse Qualitäten hat. Ich selbst kenne es noch nicht, aber
nach dem, was ich von Sauguet kenne, vermute ich, dass er etwas
sehr schönes, sehr französisches fürs Theater machen könnte. Er
hat mehr als zwei Drittel fertig und könnte bequem im Laufe des
Sommers das Ganze fertigstellen, wenn es ihm materiell möglich wäre.
Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie glauben, dass das eine Sache wäre,
die die Universal-Edition interessieren könnte und ob sie ihm even-
tuell einen kleinen Vorschuss zahlen würde. Milhaud sagt mir, er
sei überzeugt, dass die Grand Opéra das Werk spielen wird. Ausser-
dem halte ich für sehr leicht möglich, dass man es in Deutschland
spielen wird, da Sauguet"Arier" ist und da man sicher über kurz oder
lang mit der "kulturellen Annäherung" zwischen Frankreich und Deutsch
land beginnen wird. Ich wende mich in dieser Frage zuerst an Sie, da
Sie die Verhältnisse bei der U.E. besser überblicken und mir sagen
können, ob es überhaupt einen Zweck hat, mich an sie zu wenden.
Mir geht es gut. Ich kann hier sehr gut arbeiten, habe
viele Projekte, von denen einige sich sogar zu verwirklichen schei-
nen. Und wie geht es Ihnen? Ich würde mich freuen, von Ihnen zu
hören.
Für heute viele herzliche Grüsse für Ihre Frau und Sie.
Ihr
Kurt Weill