Wildgans, Anton: Brief an Else Wohlgemuth. Mödling, 26.5.1930
ANTON WILDGANS
MÖDLING
ANDERGASSE 3
27/5
Sehr verehrte Frau Gräfin!
Ich habe „Lüge der Schönheit“ nunmehr gelesen
und will dieser Arbeit keineswegs alle Qualitäten
absprechen; auch stehe ich nicht auf dem Stand=
punkt, nur hohe Literatur aufführen zu wollen.
Dieses Stück ist aber auch das, was es zumindest
sein möchte, nicht: es ist kein gutes Theaterstück,
sondern ein redseliges, irrlichtelierendes Hin und Her
von Szenen, das von Akt zu Akt billiger und innerlich
unwahrer werden. Demnach ist auch die Hauptrolle
nur äußerlich eine gute, und Sie würden mir aufrichtig
leidtun, verehrte Gräfin, wenn Sie wähnten, in dieser Rolle
gewissermaßen sich selbst zu spielen. Auch würde ich
Ihnen dies aus rein menschlichen Gründen nicht raten,
ja ich würde sogar – wenn mir dieses Stück von anderer
Seite für Sie gegeben worden wäre und selbst dann, wenn
es um vieles besser wäre! – es als Direktor nicht einmal
wagen, Ihnen diese Rolle zuzumuten, aus einem Gefühl
der Ritterlichkeit und des Taktes heraus, vor dem