Wildgans, Anton: Brief an Gustav Huber. Kroisbach bei Graz, 4.10.1924
Lieber Freund!
Ich danke Dir mit innigstem Mannesdank für Deine
gütige Bereitwilligkeit, nach meinem Tode mein Sachwalter
in allen meinen Angelegenheiten zu sein und bin selbstver=
ständlich bereit, Dir den selben Dienst zu erweisen. Meine
Vorsorge über meinen Tod hinaus hat, wie Du richtig erkannt
hast, nichts mit Hypochondrie zu tun. Für meine Person
hat außerdem der Todesgedanke nichts Schreckhaftes, so sinn=
los mir freilich mein ganzes bisheriges Trachten und Schaffen
vorkommt, wenn es mir nicht gegönnt sein sollte, mich
nach meinen Kräften und Fähigkeiten zu erfüllen und zu
vollenden. Meine Vorsorge bezieht sich lediglich auf meine
Familie, die durch meinen vorzeitigen Abgang in Ratlosig=
keit und Not verfiele, zumal meine Frau an ihrer Familie
so gut wie gar keine Stütze hat und gerade gegen sie am
ehesten geschützt werden muss, dergl. meine Kinder!
Daß Du das Einverständnis meiner Frau zur Übernahme Deiner
Mission bescheinigt haben willst, finde ich begreiflich.
So selbstverständlich dieses ist, werde ich es doch ausdrücklich
einholen, was nur deshalb bisher unterblieben ist, weil Frauen
von Maßnahmen über den Tod des Gatten hinaus nicht gerne
hören. Immerhin wird Lilly vernünftig genug sein, mit sich
über dieses Thema sprechen zu lassen.
Wir wollen also, lieber Freund, diese Angelegenheit so bald
als möglich in Ordnung bringen und ich will, nach Mödling
zurückgekehrt – was voraussichtlich Ende Oktober sein wird –
das ganze Material für unsere Unterredung bereitstellen und
bitte Dich, Deinerseits das selbe zu tun. Am besten wird es
dann sein, wenn Du über einen Samstag u. Sonntag zu uns
herauskommst und wir Alles in menschlicher und juristischer
Hinsicht besprechen. Über unser Gespräch werde ich dann
ein Pro memoria abfassen, um alles Erforderliche für den
Ernstfall festzuhalten.
Diese ganze Angelegenheit erhebt, mein lieber Freund,
unsere letzten Endes doch zufällige und willkürliche Lebens=
begegnung in eine gleichsam metaphysische Sphäre und
erfüllt sie mit dem Odem der Sittlichkeit und Verantwortung.