Wildgans, Anton: Brief an Wilhelm Klitsch. Mödling, 7.11.1928
Lieber Freund!
Mit wahrer Bestürzung habe ich von der Krankheit Ihrer
lieben Gattin gehört, die bisher das Urbild der Gesundheit
war! Was ist da Plötzliches und Fürchterliches geschehen?
Ich bedaure Sie und die arme Kranke von Herzen und wünsche
aufrichtig, daß alles nur ein blinder Schreckschuss des
Schicksals ist, das Ihnen beiden bisher so gnädig war.
Möge es Ihnen das große und seltene Glück, das Euch
beiden an einander beschieden ist, wieder ungetrübt herstellen
und dauernd erhalten!
Neben dieser Hauptsorge ist alles andere bedeutungslos,
so auch das Schicksal, das meine Zeit meinem Kirbisch-
Gedicht bereitet, indem sie davon nicht nur in Vortragsälen
sondern auch im Buchhandel mehr oder weniger nichts
wissen will: habent sua fata libelli! Darüber gilt
es zur Tagesordnung überzugehen und weiterzuschaffen,
solange die Kraft reicht. Das habe ich getan und so
bekommen Sie bald wieder ein Buch von mir: "Musik
der Kindheit!" Soll ich's in die Schweiz schicken?
Ich selbst bin seit Mai krank, habe infolge Überarbei-
tung und dem akuten Ausbruche meines alten Fußleidens
im Frühjahr einen Nervenzusammenbruch erlitten, den
ich nun in Sulz=Stangau bei Dr Löwy (Heilanstalt)
auskurieren will, soweit dies noch möglich ist.