Wildgans, Anton: Brief an Franz Karl Ginzkey. Hinterbrühl, 4.3.1915
Lieber und hochverehrter Herr Ginzkey.
Erst heute, da ich zum erstenmal wieder länger bei einem
Tische sitzen kann – ich musste in den letzten Wochen zumeist
ganz still auf dem Rücken liegen und mein Bein hochgebettet
haben – komme ich dazu, Ihnen für Ihre Anwesenheit
während und nach meiner Premiere vom Herzen zu danken.
Insbesondere für die Stunden nachher danke ich. Ihre
Anwesenheit ist mir in liebster Erinnerung, sie hat mir
wohlgetan. Denn es lag rein menschliches Wohlwollen
und so etwas wie eine stille unausgesprochene Solidarität
in Ihrem Dasein. Da dies nicht nur eine flüchtige
Empfindung an jenem Abend war sondern mich auch
oft nachher, sonderbarerweise sogar in der traumhaften
Benommenheit des Fiebers, berührte, so habe ich das
Bedürfnis, Ihnen das mitzuteilen. Nehmen Sie es daher,
bitte, nicht als Zudringlichkeit.
Nun bin ich seit einigen Tagen auch wieder so weit,
dass ich, ohne rasch zu ermüden, lesen kann. Und ich
lese, lese – zum erstenmal – die Novellen aus Österreich
von Saar. Spielt die Genesung dabei eine Rolle
oder ist es allein die Wirkung dieser ergreifenden
schlichten Kunst – seit Jahren hat mich Lesen nicht
so zärtlich beseligt. Und dann diese Landschaft – es ist
vor Sehnsucht nicht mehr auszuhalten. Man könnte
leichtsinnig werden, einen Wagen nehmen und an einem
dieser Frühlingstage, wie sie jetzt manchmal sind, schnur-
stracks an die Gelände des Kahlengebirges fahren.
Das sind wahrhaftig Aufzeichnungen zum ewigen Gedächtnis.