Wildgans, Anton: Brief an Raoul Auernheimer. Mödling, 13.6.1930
ANTON WILDGANS
MÖDLING
ANDERGASSE 3
Lieber und hochverehrter Herr Doktor!
Sie werden mich wohl inzwischen für einen Un=
dankbaren gehalten haben, weil ich Ihnen für
Ihr ebenso wohlwollendes als inhaltsreiches Feuilleton
anlässlich meiner Wiederberufung ans Burgtheater
bis zum heutigen Tage noch kein Zeichen meiner
aufrichtigen und herzlichen Verbundenheit gegeben habe.
Eine Entschuldigung hiefür im bürgerlichen Sinne
gibt es auch nicht. Ihnen aber darf ich wohl sagen,
daß meine Zeit seither ausgefüllt war mit vielem
Kranksein, mit immer neuen Versuchen, einen quä=
lenden und unheimlichen Zustand loszuwerden, und
vor allem mit einer tiefen Depression über die Wendung
des Schicksals, die mich nach so trüben Erfahrungen,
zum zweiten Male vor die nämliche Aufgabe
stellt und zum Verzichte auf mein Eigentliches
zwingt.