Wildgans, Anton: Brief an Franz Servaes. Hinterbrühl, 17.12.1914
Hochverehrter Herr Doctor -
Fortgesetzte größere und kleinere Unannehmlichkeiten, Gesundheits=
störungen bei Frau und Kind etc. ließen mich nicht die
ruhige Stunde finden, um Ihnen so zu schreiben, wie ich dies
einzig allein möchte. Nun hörte ich aber gestern - ich lebe
noch mit meiner Familie in der Hinterbrühl - zu meiner größten
Bestürzung bezüglich Ihrer etwas, was ich nicht recht glauben
kann, wenn ich es nicht von Ihnen selbst vernehme. Ist es wirklich
wahr, dass Sie anlässlich des Krieges um Ihre Stellung bei der
Neuen Freien Presse gekommen sind? Ist das Unerhörte, die
bodenloseste Gemeinheit möglich? Oder giengen Sie selbst mit
Aussicht auf ein anderes Engagement? Meine Frau und ich stehen
unter dem Eindrucke dieser Abgefeimtheit, die wir
jedoch noch nicht für möglich halten. Ich bitte Sie um
umgehende gütige Nachricht darüber. Ich denke an Ihr
liebes freundliches Haus in Weidlingau. Ich kann mir
nicht denken, dass dort nun schweres Gekränktsein wohnt,
oder dass Sie es verlassen müssten, um in einer anderen Stadt
Ihre Arbeit fortzusetzen. Alles dies ist mir vorderhand unaus=
denkbar und ich bitte Sie auf jeden Fall, meiner menschlichen
Anteilnahme, wie immer dies alles sich verhalten möge, gewiss
zu sein und mir in diesem Zusammenhange meine
lange Passivität nicht übel anzurechnen. Ich lebe hier
in der Hinterbrühl ohne jeden Verkehr, komme nur selten
nach Wien und auch dann nur in Angelegenheit meines
Stückes, welches am Volkstheater gespielt werden wird. Der
einzige Franz Theodor Csokor stellt die Verbindung
mit den Wiener Ereignissen her. Von ihm erfuhr ich auch
gestern - nur durch Zufall - von Ihrem angeblichen
Missgeschick, das mir auch er nicht als absolut sicher
verbürgen konnte. Empfehlen Sie uns, bitte, Ihrer Frau
Gemahlin und nehmen mit den Grüssen meiner Frau
den herzlichsten Ausdruck meiner Anhänglichkeit
und Verehrung entgegen von Ihrem Ihnen aufrichtig
ergebenen
AWildgans
Hinterbrühl, Kröpfelsteig No 2
am 17. December 1914.