Wildgans, Anton: Brief an Gustav Huber. Mödling, 7.12.1926
HAUS BEI ST. OTHMAR
MÖDLING, ANDERGASSE Nr. 3
Lieber Gustav!
Du hast mir durch Agnes nachdrücklich sagen lassen,
daß Du, falls ich Dich am 11. im Stiche ließe, "amtlich
einschnappen" würdest. Ich habe nie die Absicht gehabt,
Dich im Stiche zu lassen. Im Gegenteil, ich freue mich, end=
lich Gelegenheit zu haben, Dir einen bescheidenen Dienst er=
weisen zu können. Deine Botschaft an mich war daher
ein Schreckschuss mit einer Kanone gegen einen armen
Spatzen, der überdies nicht einmal auf der Welt ist. Meine
Gegenbotschaft wegen eines Nachtmahls, auf das ich rechne,
war natürlich ein Scherz. Selbstverständlich wird es mich aber
freuen, in Deiner Gesellschaft abendzuessen, wenn die Geschichte
wirklich so früh aus ist, wie Du schreibst. Wenn Lilly mit=
kommt, wird ja hoffentlich für sie irgend ein Sessel im Vortrags=
saale hingestellt werden können. Übrigens möchten Anna Hansa
und Marx unter Umständen auch kommen und Dich singen
hören. Würden auch sie irgendwo Platz finden?
Im übrigen kannst Du Dich darauf verlassen, daß ich pünktlich
und in der erwünschten Kleidung an Ort und Stelle sein
werde. Pünktlichkeit ist mein Lebenselement, und es müsste
schon Schusterbuben regnen oder sonst ein Malheur geschehen,
wenn ich nicht rechtzeitig erschiene. Sorgen macht mir bei
dieser Geschichte nur das Programm. Ich möchte den Leuten
doch nicht lyrische Keulenschläge versetzen und die doch
überwiegend fröhliche Stimmung des Abends irgendwie be=
schweren. Einzig auf diese Besorgnis, heterogen zu wirken