Wildgans, Anton: Brief an Gustav Huber. Mödling, 15.1.1920
Lieber Gustav -
Für Deine freundlichen Worte anlässlich des Ablebens der alten
Großmama nimm, bitte, meinen herzlichsten Dank. Mit ihr ist wieder
ein lebendiges Stück meiner Jugend dahingegangen und der tragenden
Brücken in die Vergangenheit werden immer weniger, während die
Pfeiler der Zukunft, zu denen man von seinem festgegründeten Ich
aus neue Bogen wölben könnte durch die trostlose Finsternis
der Zeit im Ungewissen liegen. Es ist wahrhaftig ein bitteres Verhängnis,
in der Mitte seines Lebens von dieser Weltwende betroffen worden
zu sein. Das Gewesene gilt nicht mehr und, bis überhaupt wieder
irgendetwas gelten wird, mag das Leben vielleicht vorüber oder
doch wenigstens in jenen trüben Hafen eingelaufen sein, in dem man
sich nach tätigem Reisen nicht mehr sehnt oder dazu nicht mehr
befähigt ist. Dazu kommt, daß, wenn man ein Kind hat, immer
wieder bedenkt, zu welchen Schicksalen, die durch die äußeren Verhält=
nisse bestimmt werden würden, man ihn in 's Dasein gerufen haben
mag. Ich bin, lieber Freund, recht trüb gestimmt. Ich habe, weiß
Gott, während der Kriegsjahre trotz Musterungen und allgemeiner
Reduction aller Annehmlichkeiten des Lebens, den Kopf hochge=
halten und bin unbeirrt meines Weges gegangen. Nun aber fängt
mich sogar mein eigener Weg nicht mehr zu freuen an. Der freundlichen
Zeichen werden immer weniger. Hätte ich genug körperliche Rüstig=
keit, ich erlernte noch heute ein Handwerk und zöge mich damit
zurück in irgend eine kleine deutsche Stadt, um vergessen zu werden
und selbst zu vergessen. Sei tausendmal gegrüßt von Deinem alten
Toni
Mödling, am 15. Jänner 1920.