Zabel, Eugen: Brief an Hugo Wittmann. Charlottenburg, 14.12.1916
Charlottenburg, Leibnizstrasse 25,III.
14 Dezember , 1916 .
Verehrtester , lieber Herr Kollege!
Es wäre überaus freundlich von Jhnen ,wenn Sie sich meinen
soeben bei Georg Stilke,Berlin erschienenen Roman :"Gegen den Osten " ansehen
könnten.Trotz der leicht flüssigen Form ,die sich dem Jnteresse der Leser
unmittelbar anpassen dürfte ,enthält das Buch doch ein tief empfundenes Bekennt-
niss auf dem G ebiet meiner Spezialstudien ,die mich seit dreiunddreissig
Jahren durch das gesammte russische Reich bis zum Stillen Ocean geführt und
mit den dortigen Lebensäusserungen genau vertraut gemacht haben. .Mein Roman
beruht ganz und gar auf persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen und
schildert die Entwicklung unserer deutschen Beziehungen zum slawischen Osten
von ihrer früheren freundlichen Gestaltung zur jetzigen blutigen Entscheidung .
Es fügt sich dabei , dass ich grade jetzt vierzig Jahre auf einem weit ausgedehn-
ten Gebiet als dramaturgischer und kunstgeschichtlicher Schriftsteller ,als
Schilderer aller Länder Europas und eines nicht geringen Teils von Amerika,
Asien und Afrika sowie als Verfasser viel gelesener Erzählungen wie des
"Romans einer Kaiserin . Katharina II von Russland " und "Der Meister. Ein
Richard Wagner Roman " in Berlin literarisch tätig bin und am dreiundzwanzigsten
Dezember meinem fünfundsechzigsten Geburtstag entgegensehe. Entschuldigen Sie
in gewohnter Nachsicht, dass ich Dies Alles in furchtbar grosser Zeit vor
Jhnen ausschütte.Aber von Jhnen und der "Neuen Freien Presse " ein Wort
aufmunternder Anerkennung zu erlangen hat für mich grade jetzt den grössten
Wert. Meine Gedanken weilen viel bei Jhnen so oft ich Sie mit gleichbleibender
Arbeitskraft und Geistesfrische zur Freude Jhrer Leser am Webstul unserer
aus den Fugen geratenen Welt sitzen sehe .
Mit herzlichen Grüssen
Jhres freundschaftlich ergebenen
Eugen Zabel.