Zweig, Stefan: Brief an Raoul Auernheimer. Salzburg, 2.1.1934
SZ
SALZBURG
KAPUZINERBERG 5
am 2. Januar 1934
Lieber Freund!
Ich danke Ihnen vielmals für Ihre gute Karte, die gleichzeitig
mit der mich sehr bestürzenden Nachricht über Wassermanns Tod eintrifft.
Das wird, fürchte ich, Ihnen den Aufenthalt in Aussee arg verdüstern,
denn Hoffmannsthal und er bedeuteten doch für Sie im geistigen Sinne
Landschaft. Nun heisst es enger zusammenrücken und darum begrüsse ich
es von ganzem Herzen, Sie hier zu sehen. Ich glaube Ihnen versprechen
zu dürfen, Sie nicht mit den üblichen Klagen zu belästigen. Der
Aufenthalt in London hat mir ausserordentlich wohlgetan, es weht dort
eine weite Weltluft und die deutliche Angst, die in Paris und bei uns
alle Leute verstört, diese Wolke des Unheils liegt nicht so sehr
und so schwer auf dem Leben. Ich will im Februar wieder nach London
zurück, um dort einer Arbeit mich hinzugeben. Hier mache ich noch
den"Erasmus" hoffentlich fertig, der, weil ernst und frauenlos, gewiss
kein Erfolgsbuch sein wird, aber dem ich dankbar bin, weil er mir
mir selber geholfen hat.
Darf ich Sie noch etwas bitten? Klement erzählte mir in London
von einer ausserordentlichen grösseren Novelle, die Sie geschrieben
hätten. Wollten Sie mir diese nicht voraussenden, damit wir darüber
sprechen können?
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr getreuer
Stefan Zweig