Zweig, Stefan: Brief an Arthur Roessler. Rüschlikon bei Zürich, 5.10.1918
Rüschlikon bei Zürich
5. October 1918
Lieber Freund Rössler, ich konnte Ihnen damals noch nichts Genaues schreiben,
weil ich zuerst meinen Freund Masereel in Genf sprechen wollte. Nun fügt es ein
böser Zufall, dass am Tage meiner Ankunft Masereel die Grippe bekommt (die hier
mächtig umgeht) und ich keine Möglichkeit hatte ihn zu sprechen. Es ist aber Alles ein
geleitet und sobald er gesund ist wird er sich gewiss sofort an das Werk machen. Von ihm
ist jetzt in fünfzig numerierten Exemplaren eine Holzschnittserie „Image d'une passion“ er-
schienen, zwanzig Blätter von unerhörtester Kraft. Wissen Sie ein paar Käufer dafür
–25 Francs das ganze Werk! Hätte ich genug Geld, so kaufte ich die ganze Auflage auf,
denn hier in der Schweiz lässt sich jetzt für Kunstwerke wenig tun. Was für ein
Meisterwerk für einen Spottpreis – man sollte meinen, am ersten Tage würde kein Exem-
plar mehr vorhanden sein! Sie werden von diesem Masereel noch einmal viel hören!
Meine Novelle haben Sie wohl inzwischen erhalten. Sie wird ja bald
erscheinungsmöglich sein und Masereels Bildstöcke hoffe ich bishin bereit zu haben,
ich hoffe ja, er wird bald an die Arbeit gehen können.
Mit den Bedingungen sind wir einverstanden – ich werde Ihnen, sobald er genesen
ist, mehr sagen können. Mein Brief von heute ist, ganz im Gegensatz zu dem was
ich hoffte, durch Masereels Erkrankung, provisorisch geworden.
Ich hätte Ihnen deshalb überhaupt nicht geschrieben, wäre nicht
noch Dank zu sagen und zwar ein sehr herzlicher für Ihr Künstlerbuch. Ich habe
es am Genfersee gelesen und mich sehr daran gefreut, eben weil es (ein Wagnis)
nicht aus einheitlicher, sondern aus wiederholter und gesteigerter Impression zu-
sammengesetzt ist. So sollten Kunstbücher geschrieben sein – vielleicht über Landschaften
und Menschen wäre so zu berichten, immer eine erste Impression und dann die späteren
ergänzenden. Man hat in Ihrem Buch das Gefühl diese jungen Künstler wachsen zu