Zweig, Stefan: Brief an Josef Luitpold Stern. o.O., 1917
Lieber Herr Stern, auf Kanzleipapier, gelb
und zerknüllt wie mein Gemüt, Gruss und Dank
für Ihren Brief. Seien Sie sicher: ich vergesse
Ihres Buches nicht, bis jetzt habe ich es noch
nicht erhalten, doch ich will ihm sofort ein
paar Worte widmen und, ich weiss es aus der
Gesinnung, die ich Ihnen im ganzen entgegen-
bringe, dass ich mich nicht werde zu falscher
Freundlichkeit zwingen müssen. Was wir inner
lich durchmachten lässt sich ja nur in Symbolen
und Andeutungen sagen: auch ich arbeite ja
jetzt mein Werk, eine grosse Tragödie und spüre
- spüre vielleicht zum ersten mal - dass sie mir
gelingen wird. Alles soll darin sein und doch
über die Bitterkeit hinaus, die unfruchtbare,
die Gläubigkeit, dass im Besiegtsein des Einzelnen
erst der Sieg für Uns alle beginnt. Oh hätte
ich nur mehr Ruhe, mehr Zeit!