Zweig, Stefan: Brief an Raoul Auernheimer. o.O., 14.12.1927
SZ
KAPUZINERBERG 5
SALZBURG
14.Dez. 1927.
Lieber Freund!
Heute begrüsst mich, offenbar in Ihrem freundlichen
Auftrag, Ihr Buch "Die Wienerin" und ich habe es mit Vergnügen
zur Seite gelegt, denn ich bin ganz einfach überlesen und mache
jetzt einmal drei Wochen kein Buch auf, auf dem die Jahreszahl
1927 steht. Nicht enthalten konnte ich mich aber, mich der
schönen Bilder zu freuen und aus dem Inhaltsverzeichnis die
treffliche Anordnung zu billigen. Hoffentlich ist es nur ein
Zwischenstück innerhalb eigener Neuarbeit!
Von mir ist wenig zu sagen; ich bin verschüttet in der
undankbaren Arbeit eines neuen Essay-Dreiklangs und werde mich
erst wirklich wohl fühlen, wenn diese hinter mir abgewälzt und
der Weg zu eigenen Versuchen wieder frei ist. In diesen Essays
ist doch abscheulich viel Handwerkerei und wenig der freien
Spiellust, die sich in der Novelle entfalten kann. Ausserdem
binden sie an Bücher und Haus, während ich schon wieder unge-
duldig wäre, mich weithin zu entfernen.
Seien Sie vielmals gegrüsst in alter Gesinnung
von Ihrem
Stefan Zweig