Zweig, Stefan: Brief an Raoul Auernheimer. Salzburg, 10.7.1920
ruhig schlafenden) Dichter in mir hören. Irgend
eine geistige Zerstreutheit muss ich los werden, die
sich mir in diesen Jahren angeschlichen hat: die
vielfältigen äussern Dinge des Kriegs, der Übersiedlung,
Installierung, Heirat, nicht zuletzt die Plackereien
des Staatlichen haben mir die reine Cristallisation
dichterischer Gebilde empfindlich gestört. Mich
zurechtzufinden, soll Aufgabe und unablässiges
Ziel der nächsten Monate sein.
Nun müssen Sie mir auch bald von sich er-
zählen und wie Ihrer lieben Frau die schwieger-
mütterliche Würde ansteht! In der N. F. P. scheint
ja ein besserer Zug zu walten, von der Ferne
sieht es wenigstens so aus: ich hielte diese Idee
manchmal zwei Feuilletons zu bringen, ein dich-
terisches und ein feuilletonistisches für sehr glück-
lich, weil dadurch auch das kürzere Feuilleton
zu seinem Rechte käme. Und wie steht es mit Ihren
Büchern? Momentan ist ja eine schwere Krise:
das Publicum kauft nicht mehr, die Verleger wer-
den vorsichtig und irgend ein Krach ist unaus-
bleiblich, der sich ja auch in ein oder zwei Jahren
auf die Theater übertragen wird. Hoffentlich sind
Ihre neuen Auflagen und Werke schon parat, denn
heute setzt jedes neue Buch ein ganzes Capital
in Bewegung. Seltsam: wie doch jede sociale Um-