Przemysl, 16. Juli 1915
Lieber Freund, ich habe jetzt heisse
und herrliche Tage hier in Galizien
- nie waren sie voller mit Erlebnis,
das freilich mit viel Mühe, Schmutz,
und Widerwärtigkeit bezahlt wird.
Aber dieses Vorfluten der Massen, Tag
und Nacht, Stunde um Stunde, zur
Front, dieses Gehen ohne Stocken, diese
ungeheure Weltuhr, die von Zeit zu
Zeit mir ihre dumpfen Schläge hören
lässt, aber immer geht, Tag und Nacht
ist etwas so Ungeheures und Reiches, weit
über alle Vorstellung. Dadurch dass
ich im Dienst reise, bin ich mitten
drin, dadurch, dass ich offene Ordre
habe, frei jedes Beförderungsmittel
zu wählen (eben fuhr ich auf einem
Trainzug hoch oben aufgepackt wie die
Burschen auf einem Heuschober.) Und
[links:]
dazu Galizien, tragisch und schön zugleich! Jetzt geht es weiter vorwärts
Ihr
Stefan
Zweig
Lieber Freund, ich habe jetzt heisse
und herrliche Tage hier in Galizien
- nie waren sie voller mit Erlebnis,
das freilich mit viel Mühe, Schmutz,
und Widerwärtigkeit bezahlt wird.
Aber dieses Vorfluten der Massen, Tag
und Nacht, Stunde um Stunde, zur
Front, dieses Gehen ohne Stocken, diese
ungeheure Weltuhr, die von Zeit zu
Zeit mir ihre dumpfen Schläge hören
lässt, aber immer geht, Tag und Nacht
ist etwas so Ungeheures und Reiches, weit
über alle Vorstellung. Dadurch dass
ich im Dienst reise, bin ich mitten
drin, dadurch, dass ich offene Ordre
habe, frei jedes Beförderungsmittel
zu wählen (eben fuhr ich auf einem
Trainzug hoch oben aufgepackt wie die
Burschen auf einem Heuschober.) Und
[links:]
dazu Galizien, tragisch und schön zugleich! Jetzt geht es weiter vorwärts
Ihr
Stefan
Zweig