Zweig, Stefan: Brief an Josef Luitpold Stern. Wien, 4.11.1915
Lieber Freund Stern, ich habe lange von Ihnen
nichts gehört und die jetzige Offensive lässt einen
unruhig werden für das Geschick jedes Einzelnen. Von
Petzold hörte ich über Ihre Absicht, Ihre kleinen Noti-
zen in der Arbeiterzeitung zu sammeln. Ich möchte Ihnen
vielleicht abraten, es jetzt zu tun. Jeder Tag bringt Ihnen
ja jetzt noch Neues, manches, was Sie darstellten, ist in-
zwischen schon durch stärkeren identischen Eindruck
überholt worden, auch will heute, wo Millionen
Unerhörtes erlebt haben, ein neues Buch ganz beson-
ders intensive Dinge. Ich weiss nicht, ob Sie schon in
Gefechten waren – ich las in der A. Z. darüber
noch keine Berichte und diese ganz, in ihrer vollen
Wahrhaftigkeit zu schildern ist heute aus militarischen
und politischen Gründen doch unmöglich. So bin ich
der Meinung, jetzt sei noch nicht der richtige
Zeitpunkt. Sie wissen ja, wie sehr ich Ihre Ar-
beiten liebe: es ist in diesen kleinen Scizzen eine
ganz prachtvolle Sachlichkeit, die kaum zu über-