Zweig, Stefan: Postkarte an Raoul Auernheimer. o.O., 20.5.1918
Lieber Freund, Dank für Ihren lieben Brief. Ich
hoffe für die nächste Saison Ihre Vorlesung
hier an richtiger Stätte ansetzen zu
können: es gibt mehrere Gelegenheiten, die
nicht alle gleich wertig sind und ich möch-
te für Sie die Beste. Natürlich käme erst
der Herbst in Betracht ~ jetzt wandert
Alles wie einst in Wien auf die Länder,
mich ausgenommen, der sich seit drei
Monaten schon ins Ländliche zurückgezo-
gen hat. Ich lebe still, arbeite an vielem,
habe immer reichlich zu tun und spüre
mich doch freier als in meiner letzten
Stellung. Dass Sie auch fleissig waren,
macht mir Freude: ein gutes frohes Stück,
bei dem einem das Grauen der Zeit für ein
paar Stunden entglitte, wäre eine Wohltat.
Hoffentlich ist es Ihnen gelungen. Wie schade,
dass Ihr Verleger nicht die Zeit nutzte,
einer Auswahl Ihrer Novellen jetzt einen