Zweig, Stefan: Brief an Richard von Schaukal. Wien, 2.5.1914
Insel-Verlag
Leipzig, Frühling 1914
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erbeten
Sehr geehrter Herr!
Die Unterzeichneten erlauben sich, Sie heute um Ihre fördernde Mit-
wirkung an einem künstlerischen Unternehmen anzugehen, dessen restloses
Gelingen nicht nur ein dichterisches Werk höchsten Ranges für Deutsch-
land endgültig gewinnen, sondern gleichzeitig auch die sprachlichen Er-
rungenschaften der neueren deutschen Lyrik repräsentativ darstellen könnte:
zu einer - vom französischen Verleger autorisierten -
deutschen Gesamtausgabe der Gedichte Paul Verlaines.
Es ist beabsichtigt, in mehreren, zyklisch geschlossenen Bänden das ganze
lyrische Werk Verlaines - des Dichters, dessen Schöpfungen von allen
fremdsprachigen Versen unserer Zeit dem lyrischen Gebilde im deutschen
Sinne am nächsten verwandt sind - in Nachdichtungen darzubieten, die,
selbst deutsche Kunstwerke, die französischen vollendet zur Wiedergabe
bringen. Dies nun kann, nach dem Empfinden des Verlags und des Heraus-
gebers, nicht der Mühe eines einzelnen gelingen, sondern nur der gemein-
samen Tätigkeit unserer sprachkräftigsten lyrischen Bildner, und wir
hoffen, daß eben die Verschiedenheit ihrer Persönlichkeiten die einheitliche