Zweig, Stefan: Brief an Franz Karl Ginzkey. o.O., 9.12.1919
9. Dez 1919
Lieber Freund, vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief.
Was ich Ihnen schrieb, war nur eine erste Möglichkeit, die wir
zu sehen hoffen, eine erste Grundlage (denn dieser Posten gibt so
viel wie gar nichts zu tun): wir denken schon allmählich et-
was zurechtzufinden und unser Blick ist wachsam auf SIe
gerichtet. Umso besser, wenn die Sache keine Eile hat, oder keine
zwingende Eile: wir können umso sorgfältiger allen Ihren Wün-
schen entgegenbauen und die beste Gelegenheit abwarten. Dies
war nur gedacht als erster Unterschlupf, wenn Sie sofort
etwas benötigten und sich von Wien retten wollten.
Denn Wien ist verloren, daran kann ein Zweifel sein. Die
Schieberei, die dort heute noch triumphiert, will bald an
Mangel an Schiebungsobjecten zugrundegehen: Theater und
Zeitungen werden bis auf wenige eingehen und der anstän-
dige Mensch sich nicht mehr durchfretten können. Für Satiriker,
für einen Karl Kraus wird es ein Boden sein, für einen Dichter
reinen Ranges nicht. Ich sehe für Sie nur die Möglichkeit: Flucht
und, seien Sie gewiss, wir arbeiten von heute an mit allen
Kräften daran, Sie hier in die schönere und reinere Welt zu
bekommen. Ihr Brief wird mir da sehr hilfreich sein!
Viele Grüße Ihres getreu ergebenen
StefanZweig
Sehen Sie sich das Couvert von innen
an, es ist ein Teil Ihres Lebenswerks.