Zweig, Stefan: Brief an Franz Servaes. Salzburg, 19.5.1919
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SZ
SALZBURG
KAPUZINERBERG 5.
[durchgestrichen:]
VIII. Kochgasse 8
WIEN
19. Mai 1919.
Lieber Freund !
Vielen Dank für Ihre Karte. Ja, ich habe Ihren
Brief erhalten und mit nicht geringer Freude, denn ich
habe mit der allgemeinen Einschränkung des Lebens in
diesen fünf Jahren auch eine entscheidendere Reduktion
meiner Freundschaften vorgenommen und Sie sind einer
der wenigen aus alter Zeit, die mir ganz und in herz
lichster Weise geblieben sind. Auch ich bedaure es un
gemein, dass wir räumlich so entfernt sind und entfernt
sein werden, aber mein Entschluss von Wien wegzugehen
war unbeugsam. Wien ist in einem Masse , wie Sie es
vielleicht gar nicht ahnen, eine verlorene Stadt. Mit
dem nächsten Herbst wird eine Abwanderung ohne glei-
chen beginnen und zwar in erster Linie der kapitals-
kräftigen Elemente in die ehemalige Provinz, der ar-
beitswilligen in andere Erdteile , zurückbleiben wird
nur der weiche , untätige Schlamm dieser alten Gross-
stadt. Auch publizistisch werden kaum Möglichkeiten
sein, denn schon heute arbeiten die Zeitungen mit
schwerem Defizit. Wien wird kaum mehr als fünf grosse
[mit Bleistift vor "war unbeugsam":] !